Wut allein reicht nicht

Von Sarah Luisa Ostermann

Wütend hat mich das Hörbuch von Alice Hasters gemacht. Oftmals wütend und traurig.  Ich weiß, wie das klingt: Die arme, weiße Deutsche. Sie ist so verantwortungsvoll und hat sich so gut mit dem Thema befasst, wie man es halt aufgrund der aktuellen Situation um George Floyd tun sollte. Aber so einfach ist das nicht.

In dem Hörbuch Was weiße Menschen über Rassismus nicht hören wollen aber wissen sollten klärt Alice Hasters darüber auf, wo Rassismus in unserer Gesellschaft anfängt, wo Alltagsrassismus stattfindet und das alles im Hinblick auf ihre eigenen Erfahrungen. Das Hörbuch wird von der Autorin selbst gelesen und erschafft eine erste individuelle Ebene und einen persönlichen Zugang zu dem Thema. Anhand von Alice Hasters Stimme hört man direkt, wie sehr sie ihre persönlichen Erfahrungen mitnehmen. Alice Hasters ist in Deutschland geboren, ist deutsch-amerikanisch, buddhistisch und Schwarz. Leider gehört Rassismus aufgrund ihrer Hautfarbe zu ihrem Alltag.

Somit zurück zum Anfang, zu: So einfach ist das nicht. Sich heute erst mit Rassismus zu beschäftigen reicht nicht. Es sollte selbstverständlich sein, sich auch ohne den rassistischen Mord an George Floyd mit dem Thema zu befassen. Nur, weil alle Welt gerade auf die USA schaut und auf ihre lange, rassistische Vergangenheit und Gegenwart, heißt das schließlich nicht, dass es Rassismus in Deutschland nicht gibt. Aber es ist vermutlich einfacher mit dem Finger auf die USA zu zeigen, als bei sich selbst anzufangen.

Rassismus in Deutschland befindet sich an jeder Ecke. Das fängt mit „kleinen“, rassistischen Kommentaren an, wie von Freund*innen oder den Großeltern mit der Rechtfertigung: „Die Person ist eigentlich wirklich nett“, geht weiter über Stereotype bei Schwarzen Menschen, hin zu Ausgrenzung und Nachteilen in der Schule und in der Arbeitswelt. Über all das klärt Alice Hasters auf.

Außerdem macht sie deutlich, inwiefern das Schweigen über Deutschlands koloniale Vergangenheit dazu beiträgt, den Rassismus in Deutschland “gekonnt“ zu übersehen. Die Annahme, dass Deutschland nicht so viele Kolonien gehabt hätte und nur über einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum, zeigt einmal mehr, wieviel falsches Wissen noch immer existiert. Dabei würde dieses Wissen dazu beitragen, die Privilegien, die europäische Menschen weißer Hautfarbe durch ihre brutale, menschenentwürdigende, koloniale Vergangenheit an sich gerissen haben, zu erklären und zu hinterfragen.

Das Wichtigste, was ich bei dem Hörbuch gelernt habe, ist, dass man als Weiße*r bestimmte rassistische Kommentare wohl nie bemerken wird. Diese Erkenntnis hatte ich eventuell schon vorher, eventuell auch nicht. Aber sie hat sich nun in mir eingebrannt. Diese Erkenntnis zeigt einmal mehr, wie sehr Rassismus strukturell in Deutschland verankert ist. Ich selbst werde wohl nie eine Expertin auf dem Themengebiet sein. Denn traurigerweise sind das BIPoC [Black, Indigenous and People of Color] ohne, dass sie sich darüber informieren müssten. Aber dennoch hilft das Hörbuch, bestimmte Muster in unserer Gesellschaft zu erkennen und stereotypische Denkweisen zu durchbrechen, um sich einer gleichberechtigten Welt anzunähern. Denn wie Alice Hasters sagt: „Wir wissen nicht wie eine gleichberechtige Welt aussieht (…) [und] es gibt noch viel zu tun auf großer wie auf kleiner individueller Ebene.“

Das Hörbuch erschafft diese erste individuelle Ebene. Unser aller Aufgabe ist es jetzt, das Wissen, was wir haben, zu erweitern, damit ein Umdenken stattfinden kann. Dass ich wütend und geschockt zugleich bei dem Hörbuch werde, zeigt nur einmal mehr meine eigene Privilegiertheit, da ich Rassismus selbst nie erfahren werde. Einzig und allein durch meine Hautfarbe. Aber Wut allein reicht nicht, sondern Zuhören, sich informieren, um für das Thema sensibilisiert zu werden, sich zu solidarisieren, das sind die ersten Schritte.

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