Alice im Blutrausch

Foto: privat

Von Carmen Simon Fernandez

Man nehme eine berühmte Geschichte. Ein Kinderbuch vielleicht, aber eins mit düsterem Potential. Dazu passend noch Blut, viel Blut! So oder so ähnlich könnte das Rezept für Christina Henrys blutigen Fantasy-Horrorroman Die Chroniken von Alice ­– Finsternis im Wunderland lauten, der seit März 2020 auf Deutsch zu lesen ist. Die berühmte Geschichte dahinter ist, wie der Name schon ahnen lässt, Alice im Wunderland. Kaum eine Geschichte der letzten 150 Jahre hat zu so vielen Adaptionen inspiriert. Eine bekannte Vorlage in Blut zu tauchen, ist allerdings kein Garant für ein Erfolgsrezept.

Die Geschichte beginnt nicht etwa mit einem kleinen blonden Mädchen namens Alice, das im Garten ihres Hauses im viktorianischen England einem weißen Kaninchen folgt. Stattdessen sitzt Alice, eine junge blonde Frau (an der Haarfarbe lässt sich wohl nicht rütteln), in einer Psychiatrie und kann sich nicht mehr recht erinnern, wieso. In ihren vernebelten Erinnerungen tauchen nur immer wieder ein weißes Kaninchen, jede Menge Blut und Schmerz und schließlich eine Flucht auf. Ihr Zustand, in dem sie gefunden wurde, hat sie in die Anstalt gebracht, in der sie seit zehn Jahren sitzt und nur durch ein Mauseloch Kontakt zu ihrem Zellennachbarn hat – einem geisteskranken Axtmörder. Als ein Feuer in der Anstalt ausbricht, schaffen es die beiden zu fliehen. Mit ihnen entkommt jedoch noch etwas anderes.

Damit beginnt die Reise von Alice und dem Axtmörder Hatcher, auf der Suche nach ihrer Vergangenheit. Eine Reise ist es tatsächlich in gewisser Weise, weil sie – ganz dem Genre des Fantasy-Romans treu bleibend – verschiedene Stationen durchlaufen. Oder besser gesagt durchkämpfen. Dabei entwickelt sich ihr Abenteuer immer mehr zu einer Mission gegen ein dunkles Wesen aus der Anstalt und für die persönliche Rache an denen, die sie in den Wahnsinn getrieben haben. Erfahrene Fantasy-Leser*innen merken wahrscheinlich schon, dass das Genre hier nicht neu erfunden wurde. Christina Henry nutzt seine Konventionen und spickt die Geschichte mit Anspielungen auf die Alice-Romane von Lewis Carroll. Für Kenner*innen der Vorlage trägt es zur Spannung bei zu verfolgen, wie Henry bekannte Figuren wie Grinsekatze und Co. nach und nach einstreut. 

Wenn man Splattergeschichten mag, kann man sich zusätzlich an diversen Axthieben, Messerstichen und Strömen aus Blut erfreuen. Ein Aspekt wiederkehrender Gewalt, der nicht unkommentiert bleiben sollte, sind allerdings die zahlreichen Vergewaltigungen. Sobald Alice die Anstalt verlässt, ist sie dieser Gefahr konstant ausgesetzt. Für Menschen mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen scheint es keinen gefährlicheren Ort zu geben als diese Romanwelt, in der Vergewaltigungen als institutionell gestützte Gefahr an jeder Ecke lauern. In diesem Umstand scheint sich die Grausamkeit zu manifestieren, die diese Welt im Griff hat. Gleichzeitig bietet sie Alice und Hatcher Anlass, ohne Gewissensbisse zahlreiche Menschen aufzuschlitzen. Die Misshandlung weiblicher Körper wird somit zwar aufs Schärfste verurteilt. Dennoch wirft das Fragen auf: Wie nötig ist die Darstellung dieser Gewalt für die Geschichte? Was für Bilder von Geschlechterrollen werden im Kontext sexualisierter Gewalt gezeichnet, wenn alle Frauen Opfer und alle Männer Täter oder Retter sind? Eigentlich sollte dem Roman in der Hinsicht eine Trigger-Warnung vorangestellt werden, um zu zeigen, dass diese Form von Gewalt nicht normalisiert werden sollte, egal in welchem Genre.

In Die Chroniken von Alice wird das Fantasy-Horror-Genre nicht revolutioniert. Die Gewalt und die Anspielungen auf Alice im Wunderland bieten zwar wenig Raum für Langeweile, der Umgang mit den Vergewaltigungen hinterlässt allerdings einen bitteren Beigeschmack. Ob der Roman auch ohne Lewis Carrolls Figuren funktionieren würde? Wahrscheinlich nicht. Das düstere Potential der Geschichte um das kleine Mädchen, das im Kaninchenbau verschwindet, wird nicht ausgeschöpft, sondern einfach unkreativ mit Blut überschüttet.

Die Chroniken von Alice ­– Finsternis im Wunderland, Christina Henry, übersetzt von Sigrun Zühlke, 2020, Penhaligon, 352 Seiten, 18,00 Euro.

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