Ein Anfang zum Thema Rassismus

Von Sarah Ostermann

„Wir sind erst am Anfang.“ Mit diesem Satz machte Alice Hasters bei ihrer Lesung von OutLoud im Lagerhaus deutlich, wo wir gerade bei den Debatten über Rassismus in Deutschland stehen. Am Anfang. Wir sind immer noch bei der Sichtbarmachung und Aufklärung über Rassismus in Deutschland, dabei müssten wir schon so viel weiter sein. Alice Hasters trägt mit ihrem Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“, dazu bei, dass dem Thema fundiert nachgegangen wird. Aber auch das Gespräch zwischen Alice Hasters und der Moderatorin Burcu Arslan machte den strukturellen Rassismus in Deutschland einmal mehr erkennbar und ließ den hohen Anteil an weißen Menschen (einschließlich mir) im Publikum erneut davor erschrecken.

Das Buch selbst beschrieb Alice Hasters als „Servicebuch“ mit den Worten: „Ich finde es ziemlich nett von mir, das alles nochmal aufzuschreiben“. Und damit hat sie Recht. Das Buch ist ein Service-Buch an alle – um den strukturellen Rassismus in Deutschland zu verstehen und zu erkennen, und um so dagegen steuern zu können. Für sie selbst als Schwarze Frau ist all das Wissen nicht neu und somit ist es tatsächlich ziemlich nett, das alles nochmal aufzuschreiben. Als erstes liest sie aus ihrem Vorwort vor, indem sie geschrieben hat, wovon das Buch handelt – von Rassismus. Und, dass diesem Rassismus anhand von einem konkreten Beispiel nachgegangen wird: Anhand von ihr selbst – einer Schwarzen Frau. 

Dem Publikum wird die Frage gestellt, als was wir uns bezeichnen würden. Jede Person kann über eine App auf die Frage antworten. „Frau“, „Weltbürgerin“, „deutsch“, „weißer Mensch“, sind einige der Antworten. Die häufigste Antwort ist „weiß“. Hasters erklärt, dass es bis vor Kurzem noch nicht so häufig vorkam, dass auch weiße Menschen durch die Bezeichnung ihrer Hautfarbe benannt wurden. Denn sobald jemand als der Standard bezeichnet wird, in dem Fall weiß, sind die „anderen“ immer nur eine Abweichung dessen. Der Standard selbst wird nicht benannt. Sie erklärt, dass wenn man als Schwarz kategorisiert wird, es nur ganz normal ist, auch die Weißen kategorisieren zu wollen.

Schön wäre es, wenn damit der Rassismus schon bekämpft wäre, aber dem ist natürlich nicht so. Denn Hasters erklärt, dass sobald man Weiße auf rassistische Bemerkungen oder Verhaltensweisen aufmerksam macht, sich diese meistens angegriffen fühlen. Dies nennt man Täter*innen in Opfer*innenumkehr. „Denn so viel haben ja die meisten verstanden, Rassismus sollte nicht sein.“ Aber Alltagsrassismus erfährt sie leider täglich und sie beschreibt, dass sich dieser wie viele kleine Mückenstiche anfühlt. Diese Mückenstiche tun weh, aber dadurch, dass es immer wieder passiert, stechen die einzelnen nicht mehr ganz so sehr hervor. Dies zeigt, dass sich Hasters eine gewisse Grundresilienz aneignen musste sowie Hintergrundwissen. Um sich gegen den Alltagsrassismus wehren zu können. Auch dies ist wieder eine Zusatzbelastung.

Hasters schaut während der Lesung immer wieder eindringlich ins Publikum. Sie fragt: „Warum muss ich überhaupt irgendeine Bürde tragen?“ Gleichzeitig macht sie mehrmals deutlich, dass sie nicht die Stimme aller Schwarzen ist. Sie habe sich bewusst nie als Repräsentationsfigur gesehen. Denn in den rassistischen Diskursen gibt es eine Hierarchisierung, die sich an der Proximität zum Weißsein orientiert. Sie betont, dass Menschen mit afrikanischer Herkunft am wenigsten gehört werden, und dass dieser Umstand nicht so weitergehen kann.

Die ganze Zeit spricht Hasters ruhig und bedacht. Beim Lesen aus ihren Kapiteln schaut sie immer wieder ins Publikum. Dass wir noch zu Beginn der Rassismusdebatte in Deutschland sind, zeigt, wie viel noch getan werden muss. Es muss noch viel mehr Bücher über Rassismus geben und noch viel mehr Aufklärung. Wir seien zu lange in der Beweisführung des Problems verharrt, obwohl wir stattdessen schon über Lösungsansätze hätten sprechen könnten. Als Arslan sagt, dass wir auch in 10 Jahren noch über Rassismus reden müssen, wird Hasters lauter und sagt eindringlich: „Aber anders, hoffentlich anders“.

OUT LOUD ist eine Veranstaltungsreihe des Bremer Literaturkontors mit Unterstützung des Literaturhauses Bremen. Die Veranstaltungen werden von Bremen Zwei präsentiert und sind auch als Podcast abrufbar.

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten, Alice Hasters, hanserblau, 208 Seiten, 17 Euro. e

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