Von Fischlis & Klößen

Foto: privat

Dieser Text ist im Creative Writing Seminar im Wintersemester 2020/21 entstanden. Die Aufgabenstellung für diesen Text war, die gleiche Szene aus zwei verschiedenen Perspektiven zu schreiben.

Von Moritz Detje

Viveka.

Viveka öffnete die Tür, bückte sich nach den zahlreichen Briefen auf dem Boden, zog ein Gummiband — sie trug immer mehrere — von ihrem Handgelenk, bändigte ungefähr 150 Gramm Briefe und sah Onkel Asmunds Bauch genüsslich im Sessel wackeln, seine Shirts waren irgendwann mal eingelaufen, hatten aber äußerst sentimentalen Wert für den alten Kloß, weshalb er sich weigerte, neue – passende – zu kaufen. Der haarige Bauchnabel wendete sich Viveka zu, die mit den gleichen Sätzen wie jeden Abend begrüßt wurde, Onkel Asmund empörte sich, wie spät sie komme, dass sie ihn für den Hungerlohn, der ihr dort gezahlt werde, hier mutterseelenallein sitzen lasse, ob er ihr weniger als nen Euro wert wäre – sagte er mehr, als dass er fragte. Wenn es denn wenigstens für einen Mann wäre, das täte er verkraften, aber für den Job — unmöglich –, er täte das alles nicht verstehen. Dann fasste er sich, um seine Entrüstung zu betonen, zuerst an den Kopf, dann an den Bauch, dann schüttelte er den Kopf, ließ sich tiefer in seinen Sessel sinken und schüttelte weiter den Kopf, bis eine seiner Hände irgendeinen der zig Softdrinks zu fassen gekriegt hatte, die in einem geradezu zeremoniellen Halbkreis um ihn herum platziert waren, diesen an seine Lippen führte und dem Schütteln mit verschiedenen Glucks und Glicks ein Ende bereite — ihr Onkel hatte immer eine Vielzahl merkwürdigster importierter Limos im Kühlschrank, die er günstig im Internet ersteigerte, wenn seine Cartoons – er schaute nur Cartoons – von Werbepausen unterbrochen wurden. Das war seine »Meditation«, wie er die Zeit zwischen 9 und 21 Uhr nannte, die er vor dem Fernseher verbrachte.
Der Fernseher zeigte gerade einen überdimensionierten Käse mit Augen, der von einem ziemlich ramponierten Reifen — ebenfalls mit Augen — erklärt bekam, dass er »ok ist, so wie er ist«. Viveka atmete tief aus und verabschiedete sich von Onkel Asmund, der das gar nicht mitbekam, weil er irgendeinen Fleck auf seinem »guten« Shirt entdeckt hatte, der seine volle Aufmerksamkeit forderte.

Onkel Asmund.

Onkel Asmund war in die dritte Wiederholung seiner Lieblingsserie »Lieber ein reifer Käse als ein alter Reifen!« vertieft, als ihn das Klicken des Schlosses aus seiner Versenkung riss. Er hasste Unterbrechungen. Er befreite sich widerwillig aus den Fängen des Bildschirms, und schon stand seine Fischli in der Tür, ihre Augen waren noch aufgequollener als sonst, ihm gefiel das nicht, dass die Kleine, sein Ein und Alles, immer so spät nach Hause kam für die paar Kröten, die sie da verdiente, und dann regelhaft und unpassend seine konzentrierte Ruhe sabotierte. Er schüttelte den Kopf. Onkel Asmund liebte seine Fischli, wie er sie liebevoll getauft hatte, als er sie damals abgeholt hatte und sie ihn mit den großen, verheulten und nach außen gebeulten Augen angesehen hatte, aber dass sie jetzt woanders schwamm, mit andern schwamm und eben nicht dort und mit denen schwamm, wie und wo er dachte, dass sie besser mal schwimmen tät, das wollte ihm nicht in den Kopf. Hatte er ihr denn nichts beigebracht? Onkel Asmund suchte ihren verquollenen Blickkontakt, wo war sie denn? Dass ihre Augen gar nicht vom Heulen verquollen waren und jedes liebevolle Fischli, das über seine Lippen kam, Vivekas Augen nur noch weiter aufquellen ließ, das hatte er erst recht spät kapiert, aber da war es einfach nicht mehr drin gewesen, was zu ändern, sie war seine Fischli, so war es und so ist es geblieben.

Durch die offene Wohnzimmertür konnte er sehen, wie sie ihren üblichen skeptischen Blick in den Kühlschrank warf, was Onkel Asmund nicht daran hinderte, ihr offen und ehrlich seine Meinung – quer durch den Raum – zu sagen, denn das war seine Pflicht mit Ausrufezeichen, und er sah sich genötigt, ihr mitzuteilen, auf dass es bloß endlich ankomme, dass er das nicht gut fand mit dem Zu-spät-Kommen, mit dem Job, und dass das so auch nix mit den Typen würde, er kannte sich da aus, er war ja selber mal einer gewesen, überarbeitete Mäuse sind Käse, das wusste jeder, und die Leute werden nicht dümmer – oder so was ähnliches wollte er sagen oder hatte er ihr gesagt, er war dann aus dem Konzept gekommen, weil er einen fiesen gelben Fleck auf seinem Hemd entdeckt hatte, einem seiner Lieblingshemden. Als er mit Knibbeln fertig war und seine Fischli fragen wollte, wie sie das einschätzen würde, ob sie nicht auch meinte, dass ihre Fischigkeit in letzter Zeit doch beträchtlich zugenommen hätte, da stellte Onkel Asmund ein bisschen traurig fest, dass er schon wieder alleine im Wohnzimmer saß.

Foto: privat

Moritz mag Ohrwürmer, Regenwürmer, Irrtümer, Tannenzapfen, Zungenbrecher sowie Sollbruchstellen, Abstellkammern, Gänsefüßchen, Topfhaarschnitte, Holzwege, Anrufbeantworter, Luftschlangen, Lippenbekenntnisse & Onomatopoetika.

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