Das Würmchen

Foto: privat

Dieser Text ist im Creative Writing Seminar der Uni Bremen im Wintersemester 2020/21 entstanden. Die Aufgabenstellung für diesen Text war eine Figurenbeschreibung.

Von Moritz Detje

Harl war ein Mann, der hauptsächlich aus Stirn zu bestehen schien. Wo andere ihre Mundwinkel verzogen und Arme kreuzten, da legte sich Harls Stirn in Falten. Und wo andere sichtlich entspannt ausatmeten, da glättete sich Harls Stirn. Aber dort, wo andere vor Freude lachten, da bildeten sich bei Harl sehr feine, wurzelartige Falten. Es war, als hätte Harls Stirn nicht gelernt zu genießen. Harl hatte sich zeit seines Lebens nichts gegönnt, und er oder seine Stirn – oder er und seine Stirn – waren jeder Möglichkeit einer Verbesserung ihrer Lebensumstände geschickt ausgewichen. Bis heute. Harl war das Ungleichgewicht zwischen ihm und seiner Stirn in letzter Zeit häufiger aufgefallen. Ungleichgewicht, das heißt Uneinigkeit, das heißt, dass Harl begonnen hatte, eine nicht gekannte Freude, ja eine Form des Genusses, beim Streicheln des Sohnes seiner Schwester zu empfinden. Sie besuchte ihn jetzt seit ungefähr zwei Monaten mit dem kleinen Wurm, und das, obwohl Harl gar kein Interesse daran gehabt hatte. Seine Schwester war in diesen Dingen anders gestrickt als er, Familie ist Familie und ist auch der eigenbrötlerische Bruder auf dem Land, der die Zähne wahrscheinlich nicht mal im Angesicht des Todes auseinanderkriegen würde — so ihr Kommentar, als sie eines Mittags mit dem Würmchen auf der Matte stand und ihm das Ding in die groben Hände und sich an ihm vorbei ins Wohnzimmer drückte. Wenn du auch sonst nichts hast, Landluft hast du, Harl, hatte sie gesagt, und dann hatte Harl dem kleinen Ding ins Gesicht geguckt, ansatzweise Falten über den Augenbrauen, und seine grobe Hand hatte nicht anders gekonnt, als sich ganz vorsichtig auf die Wurmstirn zu legen, nur der Daumen eigentlich, der hatte gereicht, und dann hatte er die Wärme von dem Würmchen ganz deutlich in seinem dicken Daumen gespürt, und Harl war warm geworden, wie ihm noch nie in seinem Leben warm geworden war, und dann begann es heftig zu regnen und der Wurm gleichzeitig zu heulen, und dann hatte er ihn schnell an die Schwester zurückgegeben, so verwirrt war er gewesen, dass er die Kaffeekanne kaum hatte aufschrauben können, und gekleckert hatte er dann auch, und dann waren sie auch schon wieder weg, und er konnte nicht anders als die ganze Woche warten und hoffen, dass sie wiederkämen, und dann kamen sie wieder und das Würmchen war zum zweiten Mal in seinen Armen und fing wieder an, sich und auch Harl ganz nass zu machen mit den ganzen Tränen, und seine Schwester meinte, er könne es ja mal ausnahmsweise mit einem Lächeln probieren. Und er hatte es probiert und es hatte nicht geklappt, sein Mund blieb der ewig gleiche Strich, und seine  Versuche, ihm die kleinste Kurve beizubringen, kommentierte seine Stirn spöttisch mit einer Faltenflut. Beim nächsten Besuch das Gleiche, und in einer Stunde würde sie, seine Schwester, wieder mit dem Würmchen in der Tür stehen, und deshalb saß Harl seit heute Morgen — gleich wurde es Mittag — auf dem Bett vor dem großen Spiegel, die Sonne schien, und musterte seine Stirn. Er hatte ihr erklärt, dass sie jetzt verdammt noch mal lächeln lernen würden oder er sich von ihr, diesem großen zerfurchten Lappen, verabschieden würde. Das Bügeleisen stand aufgeheizt dampfend zu seiner Rechten, als es an der Tür klopfte. Seine Schwester! Zu früh! Und da stand sie schon auf der alten Matte mit dem jungen Wurm und drückte ihn mit einer fürchterlichen Selbstverständlichkeit in seine Modersohn-Becker-Hände. Der Wurm aber dachte nicht daran, dort zu bleiben, von einer unbekannten Kraft erfüllt wand und drehte sich das kleine Ding in seinen Händen, griff (es konnte überraschend ordentlich greifen!) das olle Leinen und zog (ja, es zog!) sich hoch und Harl ließ es gewähren und bewegte sich nicht und dann,  dann spürte er das kleine Händchen, spürte er das kleine Patschhändchen an seinem Kinn, es griff nach seinen Stoppeln und gluckste und war zart, und Harls Mundwinkel zuckte, und Harls Stirn, Harls Stirn schwieg.

Moritz Detje sammelt im Bildungsparadies Deutschland Bachelorzeugnisse wie andere Briefmarken. Auf das letzte — Philosophie — folgen jetzt Kunst und Germanistik in Bremen. Wenn das laufende humboldtsche Bildungsideal nicht gerade an eben diesem arbeitet, verspielt der Steuergeldprofiteur — noch immer fasziniert vom asymmetrischen Springerzug — seine übrige Zeit im Quadrat gewisser karierter Holzbretter.

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