Wir wollen alles!

(c) privat

von Anne Storm

Beim Eintritt in den Saal des Lagerhauses werde ich von lautem Stimmengewirr überrollt, die vielen Stuhlreihen sind fast komplett besetzt, die Veranstaltung ausverkauft. Ich erhasche auf der rechten Seite des Zuschauer*innenraums einen Platz und schaue mich um. Die Stimmung ist ausgelassen, ich blicke in freundliche Gesichter, das Publikum besteht zum größten Teil aus weiblich gelesenen Personen mittleren Alters. Auf der Bühne befindet sich auf beiden Seiten jeweils ein Tisch mit installiertem Mikro, in der Mitte hängt eine Projektionsleinwand, die jetzt noch das OUT NOW-Logo zeigt, später aber auch für andere Aktionen zum Einsatz kommen wird. Recht pünktlich betritt Katharina Mild die Bühne, sie ist Organisatorin der Lesereihe und erklärt einleitend, dass sie für die krankheitsbedingt ausgefallene Moderatorin einspringen würde. Sie selbst sei leider auch gesundheitlich angeschlagen, was ihrer Moderation allerdings keinen Abbruch tut – sie führt mit unaufgeregter Leichtigkeit durch den Abend.

Zunächst stellt sie die Autorin Alexandra Zykunov vor und betitelt sie dabei als „Ikone der Gleichberechtigung“, deren Einladung zu OUT NOW lange vom Publikum gewünscht worden war. Unter großem Applaus nimmt Zykunov an einem der Tische Platz und steigt direkt mit ihrer humorvollen und lockeren Art in den Abend ein: Die Benennung als Ikone sei aber „sehr doll“ gewesen. Das Publikum lacht, die Autorin nimmt den Titel trotzdem gerne an. Weniger glamourös ist ihre Bahnfahrt von Hamburg nach Bremen verlaufen, wie im weiteren, unbefangenen Gespräch deutlich wird. Eine erkrankte Moderatorin und ein völlig verspäteter Zug – die Umstände scheinen nicht ideal gewesen zu sein, die Stimmung ist trotzdem sehr gut.

In Ihrem Buch Was wollt ihr denn noch alles? trägt Zykunov Zahlen, Fakten und Studien zusammen, „die schmerzvoll aufzeigen, wo Frauen benachteiligt werden und wodurch ihr Leben anstrengender, ärmer und im Zweifelsfall lebensgefährlicher wird“.[1] Einleitend erläutert die Autorin ihren Gehorsam gegenüber wissenschaftlich fundierten Fakten, auf die sie nicht nur als Journalistin „anspringen“ würde, sondern die für sie auch eine Art vorbeugende Maßnahme sind für die klassische Situation, in der ihre Aussagen über Diskriminierungserfahrungen von „Günther, Thomas oder Manfred“ hinterfragt werden. Zudem sei die Ungleichbehandlung dann nicht mehr „nur ein Gefühl“, sondern anhand gewichtiger Zahlen belegbar.

Insbesondere ihre Mutterschaft habe sie „feministisch radikalisiert“ und ihre Wut über die patriarchalen Strukturen innerhalb unserer Gesellschaft geschürt. Zum Thema Wut berichtet Zykunov wie in ihrem Buch von der Einordnung einer Therapeutin, die sie gelesen hat, und die mich an dem Abend ganz besonders berührt: „Deine Wut weiß, wenn du schlecht oder respektlos behandelt wurdest oder wenn deine Bedürfnisse vernachlässigt wurden (…) Lerne, auf deine Wut zu hören und mache sie zu deiner besten Freundin. Denn Wut ist der Teil von dir, der dich am meisten liebt“.[2] Die Wut, so Zykunov, passt auf dich auf.

Einen Einstieg in einzelne Fakten über die Diskriminierung von Frauen, die durchaus wütend machen, bietet die Moderatorin anschließend über ein interaktives Quiz, an dem die Zuschauer*innen mit ihren Handys teilnehmen können und dessen Ergebnisse über die Projektion auf die Leinwand mitverfolgt werden können. Daran anknüpfend beginnt Zykunov, aus drei Kapiteln ihres Buches zu lesen, die von verschiedenen „Gender Gaps“ handeln: In Hinblick auf den „Gender Stadtplanungs-Gap“ führt Zykunov verschiedene Beispiele für antifeministische Stadtplanung und Architektur auf, die von an dem „fitten Mann“ orientierten Ampelphasen bis hin zu den Auswirkungen von fehlenden Haken in öffentlichen Toiletten reichen. Anschließend erläutert die Autorin in Bezug auf den „Gender Health Gap“ erschreckende Studien aus dem Bereich der Gesundheitspolitik, wobei auch hier ihr Fokus auf Carearbeit deutlich wird, wenn sie beispielsweise davon berichtet, dass Frauen im ersten Jahr mit einem Kind bis zu 700 Stunden Schlaf einbüßen, was umgerechnet ca. 100 Nächte ohne Schlaf sind. Als dritten Abschnitt ihrer Lesung führt sie eine Utopie an, die ihrer eigens eingestandenen Vorliebe für Überspitzung Rechnung trägt: In dem eindrücklichen Szenario beantwortet Zykunov die Frage, was passieren würde, wenn Frauen von dem einen auf den anderen Tag keine Carearbeit mehr leisten würden. Die kurze Zusammenfassung: Unser Gesellschaftssystem würde zusammenbrechen.

In ihren Ausführungen zu den vorgetragenen Abschnitten aus dem Buch verweist Zykunov auch immer wieder auf intersektionale Ebenen. Dennoch frage ich mich während der Veranstaltung immer wieder, inwieweit bei der Gegenüberstellung von Mann und Frau queerfeministische Perspektiven außer Acht gelassen werden, auch wenn Zykunov die Binarität ihrer Darstellungen kritisch betont. In der anschließenden Fragerunde mit dem Publikum, das erneut seine Fragen über das Handy eintippen kann, sodass diese an die Leinwand projiziert und von Zykunov vorgelesen und beantwortet werden, kommt auch eine Frage in diese Richtung auf, die aber leider nicht ausgewählt wird und somit unbeantwortet bleibt. Das Buch allerdings gibt Antwort, denn hier ist ein Disclaimer vorangestellt, in dem die Autorin darauf hinweist, dass sie immer wieder „Männer“ und „Frauen“ verallgemeinernd verwendet, auch wenn dies natürlich „Quatsch“ sei: „Um diese patriarchalen, oft ableistischen, klassistischen, queer- und fremdenfeindlichen Strukturen aufzuzeigen, die uns immer wieder in die typischen Rollenzuschreibungen von ‚dem Mann‘ und ‚der Frau‘ zwängen, muss ich diese Begrifflichkeiten einsetzen – um sie herauszuarbeiten und dadurch zu entlarven“.[3]

Bei all den erschreckenden und düsteren Fakten, die die Autorin darlegt, ist sie selbst äußerst unterhaltsam, lustig und voll positiv-wütender Energie. Katharina Mild bringt es treffend auf den Punkt, wenn sie sagt, dass die Fakten aus dem Buch „gar keine gute Laune“ machen würden, man während der Lesung aber trotzdem gute Laune hätte. Passend dazu werden zum Abschluss gemeinsam mit dem Publikum Positiv-Beispiele und Wünsche für eine gleichberechtigte Gesellschaft gesammelt. Einen Beitrag aus dem Publikum unterstreicht Zykunov dabei ganz besonders: Die Bezahlung von Carearbeit – das wäre „ein absoluter Gamechanger“.

Nach der Lesung bin ich vielleicht nicht sonderlich überrascht von den Zahlen und Fakten zur Diskriminierung von Frauen in Deutschland, wütend machen sie mich trotzdem. Vor allem aber gehe ich inspiriert und gestärkt nach Hause. Eine Person, die vor mir läuft, fragt ihre Begleitung, wie sie die Lesung fand. Die Antwort: „Kurzweilig!“. Das muss man bei einem Thema der jahrhundertelangen Unterdrückung erstmal schaffen. Vielen Dank für deine Arbeit und für den tollen Abend, liebe Alexandra Zykunov!


[1] https://www.ullstein.de/werke/was-wollt-ihr-denn-noch-alles/hardcover/9783548068244

[2] Zykunov, Alexandra: Was wollt ihr denn noch alles? Berlin: Ullstein Verlag 2023, S. 17.

[3] Zykunov, Alexandra: Was wollt ihr denn noch alles? Berlin: Ullstein Verlag 2023, S. 14.

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