
von Elina Keller
Der frisch gekürte Preisträger des Deutschen Buchpreises 2023 sorgte dafür, dass die LiteraTour Nord Lesung zum Werk Echtzeitalter nicht wie üblich im Brauhaus stattfand, sondern in den großen Saal des Goethe-Theaters verlegt werden musste.
In schwarzer Kleidung, glänzender Brille und hippen Asics-Sneakern betrat Tonio Schachinger (geb. 1992), begleitet vom Moderator des Abends, Prof. Axel Dunker, die Bühne des gut befüllten großen Saals.
Nach anfänglicher Distanz zum Publikum tat die Raumgröße der Lesung jedoch an jenem Sonntagabend keinen Abbruch – spätestens nachdem in den ersten Minuten nur die Vilsa-Flaschen geöffnet und die Gläser mit Wasser befüllt wurden, erfolgte im Saal das erste auflockernde Lachen: Wassergläserfüllen in der Wasserglaslesung – ein Icebreaker.
Nach einer kurzen Einführung zum Autor durch Herrn Dunker, innerhalb derer der Autor sichtlich nervös mit den Füßen wippte, konnte Tonio Schachinger, nach seiner Beteuerung der Buchpreis habe nicht nur monetären, sondern auch ideellen Wert für ihn, mit der Lesung der ersten Passage beginnen. Deutlich entspannter durch das eigene Lesen präsentierte der Autor, während er immer wieder zum Wasserglas griff und durch Gelächter aus dem Publikum begleitet wurde, die ersten Kapitel 6-8.
Auftakt der Diskussion, angestoßen durch Axel Dunker, bildete die Frage danach, inwieweit die Gaming- und die Literaturwelt als Gegenpole zu betrachten sind. Immer wieder sah man Köpfe zustimmend nicken und zusammenstecken; Tonio Schachinger überzeugte mit seiner persönlichen und lebensnahen Schilderung und nahm das Publikum in seiner Argumentation über die Legitimität von Lebenswegen, im beispielhaften Kontrast von Streamer*innen und Journalist*innen, mit. Nachdem Schachinger seinen Schulroman als post-faschistisch („hoffentlich“, so Kommentar Dunker) einordnete, las er eine weitere Passage des ersten Buchteils. Kapitel 9 und 10 drehen sich vor allem um das Spiel Age of Empires II, welches im Leben des Protagonisten eine tragende Rolle spielt. Ausgehend von dieser Passage folgte eine philosophische Diskussion darüber, was Kunst und Gaming im Leben einer Person bewirken können. Immersion als Selbstzweck oder doch nur als willkommene Ablenkung? Die eigenen Einblicke Schachingers in seine Schulzeit und die eigenen literarischen Erfahrungen, gepaart mit trockenen Kommentaren und kritischen Bemerkungen bezüglich der Kunstszene, rundeten den Abend ab. Dem Kanon der Wasserglaslesungen folgend, schloss sich eine offene Fragerunde an und zeigte Redebedarf von Literatur- und Videogameliebhaber*innen an.
Besonders eine der letzten Fragen des Abends erheiterte das Publikum: Ein Herr begann eine Frage zu formulieren, die sich im Verlauf als persönlicher Kommentar zu Art und Weise der Lesung (Fokussierung auf Passagen zum Gaming) entpuppte – was der junge Autor gekonnt ironisch mit „Vielen Dank für die Frage“ kommentierte.
Da der Autor nur aus dem ersten Drittel des Buches vorlas und darauf achtete, nicht zu spoilern, war der Besuch der Lesung auch für die Personen geeignet, die das Buch noch nicht gelesen hatten. Die lange Schlange vor dem Signaturtisch beendete den gelungenen literarischen Abend.
19.11.2023, 20 Uhr, Theater am Goetheplatz, Bremen – LiteraTour-Nord – Echtzeitalter von Tonio Schachinger

Elina Keller studiert im Master Inklusionspädagogik und Germanistik auf Lehramt für Gymnasien und Oberschulen. Als Kind und Jugendliche die Nase stets in Büchern vergraben – von TKKG bis Hanni und Nanni – sind es heute Krimis und Klassiker der Literatur, die sie begeistern. Die Affinität zur Sprache vertiefte sie in ihrem Beruf als Logopädin, welchen sie vor dem Studium ausübte. Wenn sie nicht gerade tanzt oder sich durch neue vegane Rezepte kocht, verliert sie bei Mario Kart.