
von Lilli Rother
Dieser Text entstand im Seminar „Kreatives Schreiben zu Kunst“ bei Anke Fischer im Wintersemester 2023/24. Thema war „Freiheit“ oder „Vergänglichkeit“. Lilli wählte als Inspiration das Kunstwerk „Zwirner Piece I-VII“ von Jonathan Monk in der Weserburg.
Zwölf nach Sechs. Er steht an der Straßenbahnstation und blickt auf die vorbeirauschenden Waggons. Vier Wagen, sechzehn Fenster, acht Türen. Menschenströme bewegen sich auf dem Bahnsteig, drängeln und quetschen sich aneinander vorbei und unterhalten sich lautstark. Sie alle haben ihren Tag vermutlich hinter sich und sind auf dem Weg nach Hause, um den Abend gemütlich vor dem Fernseher zu verbringen oder durch die Bars zu ziehen, die sich in der Innenstadt aneinanderreihen. Er hingegen ist gerade erst auf dem Weg zu seiner Nachtschicht, von diesem Freitagabend wird er also nicht besonders viel mitbekommen. Er verzieht sein Gesicht und schnaubt, halb amüsiert, halb schmerzerfüllt. Feierabendverkehr. Sein Blick wandert die schmutzigen Fassaden der Wohnhäuser entlang und er stellt sich vor, wie es wäre wieder hier nach Hause zu kommen. Dort, wo man das pulsierende Herz der Stadt noch spüren kann.
Er blickt auf die Uhr – es sind gerade einmal 30 Sekunden vergangen – und trifft eine Entscheidung. Bevor er es sich anders überlegen kann, wirft er sich den zerknitterten Stoffrucksack über eine Schulter und bewegt sich mit zielstrebigen, langen Schritten Richtung Rolltreppe. Gerade noch sieht er die nächste Straßenbahn einfahren, dann ist sein Blick auch schon auf die Straße gerichtet. Ein dunkelroter VW biegt in die Wohnstraße ein und er folgt ihm, als wüsste er genau, wohin es geht. Nach Hause. Zu ihr. Das hellgrüne Haus sieht heute, im letzten Sonnenlicht, noch friedlicher aus als sonst. Efeuranken liefern sich ein Wettrennen an der Fassade und verleihen dem Gebäude ein so natürliches Aussehen, als wäre es aus der Erde gewachsen und nicht von Menschen hier platziert worden. Nachdenklich betrachtet er das Klingelschild. Hätte er auf dem Nachhauseweg noch Blumen kaufen sollen? Magnolien vielleicht, das sind ihre liebsten. Es beschleicht ihn das leise Gefühl, etwas vergessen zu haben. Mit einem Kopfschütteln reißt er sich aus den eigenen Gedanken und kramt in seiner Hosentasche nach dem Haustürschlüssel. Wird schon nicht so wichtig sein, sonst würde er sich doch erinnern. Die Tür fällt krachend ins Schloss und mit einer vertrauten Handbewegung schaltet er das Licht im Flur an. Die Glühbirne im ersten Stock flackert, als er die Steintreppe hoch geht. Montag wird er den Hausmeister anrufen. Im dritten Stock angekommen entdeckt er einen Brief auf der Fußmatte und muss lächeln. Diesmal ehrlich. Ihre kringelige Schrift erkennt er sofort und auf der Briefmarke ist ein winziges Kolosseum abgebildet. Sie hat ihm aus dem Urlaub geschrieben. Wieder ist da dieses seltsame Gefühl, er hätte das alles schonmal erlebt und irgendetwas Wichtiges, sehr Zentrales dabei ausgeblendet. Er seufzt, hebt den Brief auf und betritt die kalte Wohnung. Wenn sie nach Hause kommt, soll alles sauber und ordentlich sein, das hat sie sich verdient. Während er den Staubsauger aus der völlig überfüllten Abstellkammer zieht und dabei fast den Papiermüll umkippt, schaut er auf sein Handy. Ihre letzte Nachricht hat sie um 13:42 Uhr geschrieben. Der Staubsauger dröhnt in seinen Ohren und lässt das seltsame Gefühl wenigstens für ein paar Minuten verschwinden, während er jeden Teppich dreimal bearbeitet. Leise summend räumt er das Chaos weg, das er beim Mittagessen in der Küche hinterlassen hat, und beobachtet stolz sein Werk. Vielleicht würde dieser Freitagabend doch noch gut werden. Er ist schon wieder tief in Gedanken versunken, als das Telefon klingelt. Erschrocken zuckt er zusammen und lässt fast den Brief fallen, den er gerade öffnen wollte.
Guten Tag Herr Wagner, Korsch mein Name, von der Polizei, sagt eine warme Männerstimme. Es geht um Ihre Frau.
Es braucht eine ganze Weile, bis er versteht. Viel zu lange. Er hat den Brief längst auf die Fliesen fallen lassen und das unangenehme Ziehen im Magen lässt sich nun nicht mehr ignorieren. Als die Stimme das nächste Mal spricht, klingt sie heller und blechern.
Einsteigen bitte!
Er öffnet die Augen im gleichen Moment, als die Türen zischend aufgehen. Ein Blick auf die Uhr, viertel nach Sechs. Wie betäubt schultert er seinen Rucksack, steigt in die Bahn und macht sich auf den Weg zur Nachtschicht.