Ich und Du

© privat

von Lilli Rother

Dieser Text entstand im Seminar „Kreatives Schreiben zu Kunst“ bei Anke Fischer im Wintersemester 2023/24. In der Ausstellung „DAS BLEIBT – Die ganze Sammlung regionaler Kunst Bremen“ in der Städtischen Galerie sollte ein Text geschrieben werden zum Thema Identität.

Ich bin klein neben dir, so klein wie ein Sandkorn. Oder ein Staubkorn. Oder sogar ein Atom. Ich bin winzig und leise und unsichtbar. Dein Licht scheint auf mich, voller Güte und Liebe, aber wieso gibst du mir so viel von dir ab? Wahrscheinlich siehst du mich gar nicht und bemerkst nicht einmal, dass du mir Leben schenkst, mich beleuchtest und nährst, wie die Sonne die Pflanzen. Und so wie die Pflanzen die Sonne zum Leben brauchen, so brauche ich dich. Ich wärme mich in deiner Gegenwart, heimlich und allein, damit ich dich nicht verschrecke. Wenn du da bist, knie ich immer vor dir nieder. Es fühlt sich falsch an, dir auf Augenhöhe zu begegnen. Meine Aufgabe ist es, dir untergeben zu sein. Zu dir zu gehören. Würdest du das wollen, wenn du wüsstest, dass ich da bin? Als wir uns noch nicht lange kannten, warst du selbst noch nicht so groß, und du hast mich wahrgenommen. Jetzt gibt es mich nicht mehr in deiner Welt und mir fehlt der Mut, dich an mich zu erinnern. Also habe ich gelernt, mich vor dir zu verstecken. Unten auf dem Boden sitze ich und ernähre mich von dem, was dir unbedacht vom Teller fällt. Achtlosigkeit ist die kleinste Aufmerksamkeit der Welt. Ganz genau so klein wie ich. Aber je weniger du aufpasst, desto mehr Licht lässt du auf mich scheinen und ohne, dass du es mitbekommst, kann ich wachsen. Erst habe ich befürchtet, ich könnte dir plötzlich auffallen. Und geschämt habe ich mich, für meinen unstillbaren Hunger. Schließlich habe ich alles genommen, was du nicht für dich beansprucht hast. Und ich wurde größer. Doch das bemerkst du nicht. Ich reiche dir nun bis zum Haaransatz, ja ich könnte dir sogar in die Augen schauen, wenn ich mich aufrichten würde. Manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich gewachsen bin, oder du vielleicht geschrumpft. Bin ich klein wie ein Sandkorn, so bist du kaum mehr einen Millimeter größer. Habe ich dir deine Größe genommen, dich kleiner gemacht? Schaust du deswegen noch immer nicht in meine Richtung? Warum lässt du nicht zu, dass ich gesehen werde? Ich gebe mir nicht die Mühe, mich im Schatten bedeckt zu halten. Keine Dunkelheit kann mich besser vor dir verbergen, als deine Gleichgültigkeit es tut. In der Wärme deiner Ausstrahlung beobachte ich jeden deiner Schritte, warte auf den Moment mich zu zeigen. Auf einen Augenblick, in dem du nicht wegschauen kannst. Unten am Boden lauere ich, da kenne ich mich bereits aus. Hier kann mich nichts überraschen – aber dich. Du warst nie hier unten, dein Blick schwebt weit oben über allem. Aber ich gebe dir keine Wahl mehr dabei, mich zu beachten. Störe ich dich schon? Deine Bewegungen sind langsam, vorsichtig, fast zaghaft. Du spürst sie, meine Anwesenheit. Das erste Mal seit langer Zeit. Ich und du. Wir gehören zusammen. Bald wirst auch du das verstehen. Und dann helfe ich dir, dann gebe ich dir Güte und Liebe und Leben. Und du kannst dich an meinem Licht wärmen. Jetzt stehst du vor deinem Spiegelbild und ich kann mich nicht zurückhalten. Ich trete in dein Blickfeld, mache mich so groß ich kann, damit du meine ganze Pracht auf einmal betrachten kannst. So hast du mich geschaffen. Mein Anblick überlagert deinen, verzerrt dir die Züge und öffnet dir die Augen weit. Ich stehe dir wie ins Gesicht geschrieben. Und da endlich siehst du mich.

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