
von Nina Funk
Die Veranstaltung beginnt mit einer Bitte der Moderatorin Burcu Arslan: Wir sollen doch bitte alle einmal zusammenrücken, damit auch jeder Platz finde, denn der Abend sei restlos ausverkauft. Es stimmt. Der niedrige Veranstaltungsraum im Lagerhaus des Bremer Viertels wimmelt vor Leuten. Heute Abend, am Mittwoch des 12. Juni 2024, findet hier eine Lesung der Journalistin, Ärztin und Autorin Gilda Sahebi im Rahmen der OUT LOUD-Lesebühne statt. Ihr aktuelles Buch Wie wir uns Rassismus beibringen wird Thema der Veranstaltung sein. Trotz schwerer Thematik herrscht noch wenige Minuten vor Beginn eine durchaus feuchtfröhliche Stimmung im Raum. Orangefarbenes Licht, funky Musik und die Besucher*innen bestellen einen Drink zu viel an der Bar. Mitten im Gewusel ein Kamerateam von buten un binnen, die den Auftrag haben, die „volle Hütte“ zu filmen.
Als Autorin Gilda Sahebi und Moderatorin Burcu Arslan endlich die Bühne erklimmen, steigen sie sogleich mit einem Thema ein, das der ausgelassenen Stimmung des Publikums einen jähen Dämpfer verpasst: Die Ergebnisse der Europawahl vom vergangenen Wochenende. Wen das starke Ergebnis der AfD überrasche, wird in den Raum gefragt. Niemand meldet sich. In nüchternem Tonfall erklärt Sahebi, dass sie dieses Wahlergebnis als völlig logisch empfinde. Ihr Statement befindet sich im Einklang mit ihrer Analyse des deutschen Rassismus, den sie in ihrem Buch aufschlüsselt. In Wie wir uns Rassismus beibringen erklärt Sahebi, dass wir alle rassistische Denkmuster in uns tragen, die als Konsequenz der politischen und gesellschaftlichen Strukturen auftreten, die uns prägen. Dabei seien rassistische Denkmuster, Strukturen und Dynamiken je nach Gesellschaft und Landesgeschichte unterschiedlich, weshalb es sich lohne, die rassistischen Tendenzen einer Nation im Kontext der individuellen Historie zu betrachten. In ihrem Buch konzentriert sich Sahebi vor allem auf die Analyse des deutschen Rassismus und verfolgt dessen roten Fäden bis ins 19. Jahrhundert zurück.
„Wir alle finden Rassismus schlecht“, sagt Sahebi „das heißt nicht, dass wir es nicht sind.“ Der erste Schritt zur Besserung bestehe darin, sich selbst als Teil des Problems zu begreifen, um dann an sich arbeiten zu können. Es müsse aus den Menschen selbst herauskommen. Deshalb sei es eher kontraproduktiv, die rassistischen Denkstrukturen eines anderen Menschen ändern zu wollen. Bei einer Publikumsumfrage über Menti.com – „Was kann ich jetzt gegen Rassismus tun?“ – geben trotzdem die meisten an, dass sie es als das effizientestes Mittel gegen Rassismus begreifen, andere Menschen im persönlichen Gespräch von besseren Werten zu überzeugen.
Den Rest des Abends erzählt Gilda Sahebi kleine Anekdoten über peinliche AFD-Politiker*innen oder andere problematische Gestalten der politischen Landschaft. So wird an dem Abend doch noch viel gelacht. Wenn auch mit sarkastischem Unterton und nur über die Tweets von Markus Söder. Zum Ende gibt es noch ein paar vorgelesene Ausschnitte aus Sahebis Buch und dann ist der Abend auch schon vorbei. Auf dem Weg nach draußen versuche ich die anderen Menschen zu belauschen, um herauszufinden wie der Abend gefallen hat. Doch außer einer Diskussion darüber, ob der Begriff „Ausländeramt“ rassistisch ist, bekomme ich leider nichts mit. Für meinen Teil gefällt mir Sahebis Ansatz, die rassistischen Strukturen einer Gesellschaft im Hinblick auf die Landesgeschichte zu analysieren. Es fühlt sich angenehm rational an, in Anbetracht eines Themas, das sich zu oft im Rahmen der Unsachlichkeit abspielt. Auch der Auftrag, sich zunächst an die eigene Nase zu fassen, erscheint mir sehr sinnig. Denn wenn man etwas ändern möchte, sollte es doch das Einfachste sein, bei sich selbst anzufangen.