Die Sache mit der (Un)Gleichheit

(c) privat

von Julia Klumpe

23.06.

Ich bin schwanger. Nico und ich sind zwar seit mittlerweile drei Jahren ein Paar, aber trotzdem habe ich geweint, als ich den positiven Test gesehen habe. Wir haben einige Male schon über das Thema gesprochen und Nico meinte, dass er Minimum drei Kinder möchte, aber irgendwas in mir hat schon damals ein Unwohlsein ausgelöst.

28.06.

Nico weiß es jetzt auch. Dafür, dass er so viele Kinder möchte, hat er sich nicht so gefreut, wie ich gehofft habe. Ich dachte, dass seine Begeisterung mich auch anstecken wird. Stattdessen hat er genickt und sich dann wieder seinen Miniatur-Autos gewidmet. Vielleicht war es einfach der falsche Zeitpunkt?

17.07.

Auf der Arbeit ahnen es ein paar Leute. Die ganzen Gerüche von den Haarfarben tun meiner Übelkeit keinen Gefallen und das ist natürlich sehr auffällig. Nico hat mich dafür heute zum ersten Mal zu meiner Gynäkologin begleitet. Die Ultrschallbilder sehen schon ziemlich süß aus.

08.08.

Den Haushalt zu schmeißen, wird immer anstrengender. Mir ist ständig übel, ich habe jetzt schon Rückenschmerzen und mir ist seit gestern ständig schwindelig. Nico möchte nichts davon hören. Er sagt andauernd, dass ich das schon schaffe, weil es alle anderen Frauen vor mir auch geschafft haben. Den Haushalt zu bewältigen, täglich frisch zu kochen und einem Vollzeitjob nachzugehen ist jedoch schwierig unter einem Hut zu kriegen. Auf der Arbeit läuft es auch nicht besonders gut. Ständig stolpere ich über Dinge und letzte Woche hätte ich einem Kunden fast die falsche Farbe auf den Kopf aufgetragen. Mein Chef hat mich nach Ladenschluss gewarnt, dass sowas nicht nochmal vorkommen darf.

15.08.

Irgendwie fühle ich mich heute komisch.

16.08.

Nico! Geh an dein Handy!11:34

Irgendwas ist mit dem Baby…11:41

Nico, verdammt!!!11:43

Ich habe Angst, bitte komm11:44

Warum nimmst du nicht ab?11:53

Ich bin arbeiten…15:47

Dem Baby geht es gut. Sie haben mehrere Tests

gemacht. Ich soll mich ausruhen15:48

Wann kommst du nachhause?15:48

Später17:13

02.10.

Wo bist du?8:18

Mit meiner Mama brunchen. Das weißt du

doch8:23

Ich habe kein sauberes Hemd mehr8:23

Ich bin gestern nicht mehr dazu gekommen8:24

Und was soll ich jetzt machen?8:24

Die Wäsche hängt im Keller. Nimm dir ein

Hemd, bügel es und fertig.8:29

Ich muss aber jetzt zur Arbeit!!!8:29

Mach das bitte, wenn du da bist8:29

Ich brauch morgen nicht das gleiche Drama.8:30

22.11.

Schatz, kannst du bitte Glasreiniger auf dem

Weg kaufen?17:49

Warum machst du das nicht?18:03

Ich bin noch beim Gynäkologen wegen der

Schwangerschaftsdiabetes18:05

Ich weiß doch gar nicht, welches du

brauchst18:47

26.12.

Die Weihnachtsfeiertage haben mir Hoffnung gegeben. Nico und ich waren erst bei meiner und dann bei seiner Familie. Unsere Eltern sind hin und weg von der Kleinen, auch wenn sie noch nicht da ist. Ich glaube Nicos Papa freut sich am meisten. Er hat uns sogar angeboten beim Babyzimmer mitzuhelfen. Obwohl Nico sehr knauserig war mit Möbel und Babysachen kaufen, hat er sich die letzten Tage selbst übertroffen. Er hat das Babybett und den Wickeltisch, den ich favorisiert habe, heimlich gekauft und mir an Heiligabend präsentiert. Passend zu den Festtagen ging auch meine Übelkeit zurück! Ich freue mich ❤

05.01.

Kaum ist das Jahr angebrochen, stürzt sich Nico in die Arbeit. Seit Silvester habe ich ihn kaum mehr zu Gesicht bekommen. Er hat den Wechsel mit seinen Poker-Kumpels gefeiert und danach hat er non-stop gearbeitet. Vielleicht waren die Möbel teurer als gedacht… schließlich ist er gerade der Hauptverdiener. Ich hoffe wirklich, dass ich nach der Schwangerschaft schnellstmöglich anfangen kann, zu arbeiten.

05.02.

Es ist genau einen Monat vergangen, seitdem ich dieses Tagebuch zuletzt aus der Schublade geholt habe. Es gibt nicht viel Neues. Nico arbeitet immer noch unerbittlich. Ich quäle mich mit dem größer werdenden Bauch immer mehr mit Haushalt etc. und dieses Diabetes-Zeug setzt mir ganz schön zu.

11.02.

Mein Papa war zu Besuch bei mir und hat mir mit der Wäsche geholfen. Er meinte, dass das ganze Tragen und Treppenlaufen zu Wassereinlagerungen führen könnte. Ich glaube, dass er einfach nur übervorsichtig ist und möchte, dass es mir gut geht. Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass es schön ist, eine helfende Hand zu haben. Leider wohnt mein Papa fünf Stunden von uns entfernt und Nico wollte unbedingt in die Nähe seiner Eltern ziehen, dass meine uns leider nicht regelmäßig besuchen können. Umso schöner sind jedoch die Tage, an dem wir zusammen sind.

12.02.

Ich habe heute ganz viele Vögel

bei meinem Spaziergang

gesehen10:04

Ich würde total gerne wissen

wie es ist, zu fliegen10:04

Diese Freiheit muss unvorstellbar

schön sein10:04

gelesen

13.02.

Kannst du mein Arbeitszimmer

aufräumen, bitte? Das sieht

total chaotisch aus11:49

Das ist dein Zimmer…11:59

Bitte, Liebling… ich komme heute

super spät nachhause und

schaffe das alles nicht mehr12:00

Ich habe auch den ganzen

Tag zutun12:01

Du bist doch nur Zuhause12:01

Ich bin in Mutterschutz

und mache dabei einen

Menschen12:01

So ist das halt. Jemand muss

es ja machen12:02

Komm schon, alle anderen

vor dir haben das auch geschafft12:02

Außerdem kannst du das eh viel

besser als ich12:02

Okay12:05

18.02.

Möchtest du morgen jetzt mit

zum Ultraschall-Termin?13:19

Ich treffe mich mit den Jungs14:21

Schon wieder?14:36

Kannst du das nicht einmal

ausfallen lassen?14:37

Ich habe schon zugesagt16:03

Lieber Nico,

du bist frei. Du hast einen sicheren Job, viele großartige Freunde, die du immer sehen kannst und bist unabhängig. Du lebst. Und was tue ich? Ich lebe für dich. Die Wäsche, das Kochen, das Putzen, der Einkauf und selbst das Aufbauen des Kinderzimmers ist an mir hängen geblieben. Ich fühle mich wie ein Vogel in einem Käfig, der frei sein will aber gezwungen wird unfrei zu sein.

Wieso siehst du nicht, was ich alles tue und was für eine Macht du hast. Ich als Frau werde selbst bei meiner Arbeit auf meinen Körper reduziert. Für dich muss ich schwanger sein. Doch wer wird die Arbeit danach haben? Für meinen Job darf ich nicht schwanger sein. Ich kann von Glück reden, dass ich nicht gefeuert wurde…  Du wirst niemals die Frage in einem Jobinterview bekommen, ob du Kinder möchtest. Dir allein gehört dein Körper. Du brauchst dir mit mir keine Gedanken über Arbeit im Haushalt machen. Was kriege ich? Hass, Sexismus und unbezahlte Arbeit. Du könntest deine Position für so viel Gutes in der Welt einsetzen … in meiner Welt.

Aber was machst du stattdessen? Dich nur um dich und deine Bedürfnisse kümmern- Es geht nur um dich… ging es immer.

Ich muss ausbrechen aus diesem Strudel an Ungerechtigkeit. Mein Leben ist zu wertvoll, um es damit zu verbringen in ein bestimmtes Muster oder eine bestimmte Rolle zu passen. Diese Rolle drängt mich zu Boden und lässt mich nicht mehr atmen. Doch ich muss atmen. Ich brauche Luft, um zu überleben. Nicht nur ich brauche diese Luft, sondern jetzt auch jemand anderes. Ich muss sie schützen, um jeden Preis. Am liebsten würde ich sie vor allen frauenfeindlichen Strukturen in unserer Gesellschaft schützen. Das werde ich natürlich niemals schaffen, weil sie als Frau immer Ungerechtigkeit erfahren wird. Aber ich kann sie vor dir und deiner Denkweise schützen. Ich schütze uns, indem ich ausbreche, aus unserem persönlichen System der unfairen Machtverhältnisse.

Ich bin ein Vogel, dem es verboten wurde zu fliehen. Ich wurde festgehalten und mir wurde eingeredet, dass ich niemals fliegen darf. Verzeihe mir, dass ich nicht anders kann als auszubrechen. Ich bin eine Frau. Ich muss stark sein und trotzdem werde ich niemals auch nur ansatzweise so hoch fliegen können wie du. Das kann ich nur für mein kleines Küken hoffen.

Auf eine Zukunft, in der alle Vögel gleich hoch fliegen können.

Charlotte

Hinterlasse einen Kommentar