
Von: Paula Blunck
Sechs Wochen ist es her, dass Dorothee Elmiger den Deutschen Buchpreis verliehen bekommen
hat, vor drei Wochen gab es den Bayrischen Buchpreis für sie, vor knapp einer Woche den
Schweizer Buchpreis. Und seit diesem Wochenende ist sie auf Lesereise der LiteraTour Nord,
am Sonntagvormittag liest sie in Oldenburg und jetzt, Sonntagabend am 23.11.2025, sitzt sie in
Bremen.
Um Elmiger endlich kennenzulernen, musste man einige Hürden auf sich nehmen. Zunächst
einmal waren „Die Holländerinnen“, die ihr diese Preise einbrachten, für einige Wochen nicht
lieferbar und ungeduldig bangte man, ob der Roman wohl rechtzeitig ankommen würde, um zu
lesen, bevor man der Autorin am Sonntagabend zuhören würde. Dann fieberte man mit um die
Location, die das Theater Bremen für Elmigers Lesung aussuchen würde. Der Erfolg des
Romans ließ zumindest doch das Kleine Haus vermuten, wenn nicht sogar ein größerer Saal
gefüllt, zumindest der Autorin angemessen wäre. Die ein oder andere mag enttäuscht sein, dass
die Lesung letztendlich im noch kleineren Brauhaus stattfindet, mussten doch viele vergeblich
auf eine Eintrittskarte warten. Und dann ist da noch der Schneesturm, der anscheinend doch
vereinzelt Gäste davon abhält, zu kommen; es sind letztendlich noch Plätze frei.
Elmiger tritt so auf, wie man sich eine Autorin vorstellt, verkörpert den Stereotyp einer
Schriftstellerin, die da ist, um ihren Text vorzustellen, ihren Text sprechen zu lassen. Schlichte,
schwarze Kleidung, ein höfliches Lächeln, das auf ihrem ernsten Gesicht wissend und
interessiert auftaucht, und aufmerksam hört sie dem Moderator Prof. Dr. Axel Dunker zu – sie
nimmt den Text, ihre Figuren und ihr Publikum vollkommen ernst. Als ihre Auszeichnungen
vorgelesen werden, nickt sie nur, später am Abend wird sie sagen, dass sie sich selbst den
Deutschen Buchpreis vielleicht nicht verliehen hätte.
Das Setting der Handlung von „Die Holländerinnen“ ist ein literarischer Dschungel. Eine
Theatergruppe inklusive der Protagonistin, der Erzählerin, macht sich auf in die Verstrickungen
des zentralamerikanischen Urwaldes, um einen rätselhaften Vermissenfall zu rekonstruieren,
um Spuren zu suchen und zu sammeln. Angesichts der ausliefernden Naturgewalten stolpern
die Figuren im Dunklen menschlicher Schicksale und Erlebnisse, erzählen von sich und die
Erzählerin erzählt von ihnen – erzählt uns Schreckliches, Eigentümliches und Nichteinzuordnendes.
Die reale Erzählerin, die Preisträgerin Elmiger, tritt dabei selbst in die Schatten ihres Urwaldes
und lässt die Erzählerin und ihre Protokolle für sich selbst sprechen.
Elmigers Bescheidenheit ist nicht gespielt, sie ist aber auch kein zufälliger Wesenszug der
Autorin. Sie macht deutlich, was einige eventuell vermuteten – sie baut Distanz auf zu der von
ihr geschriebenen Erzählerin, zu jeder Art von Autofiktion; diese Abgrenzung scheint ihr
wichtig zu sein. Selbst, als sie nach der Bedeutung der verschiedenen Binnenerzählungen und
Zitaten und ihren Funktionen gefragt wird, möchte sie keine Auskunft geben und nicht alles zu
Ende erklären. Denn ein Ziel, eine „völlige Auflösung“, gibt es laut Elmiger nicht im Leben
oder in der Literatur, nicht im Dasein.
Und als sie vorliest, drängt ihre sanfte Stimme sie fast selbst in den Hintergrund und man hört
nur die Erzählerin in dem Roman sprechen. Die Autorin wird zur Erzählerin der Erzählerin, auf
ganz natürliche Weise. Elmigers Stimme trifft perfekt den Ton der Geschichte und selbst der
beim Lesen gewöhnungsbedürftige Konjunktiv verliert beim Zuhören seine Besonderheit.
Das Bild, was sich von Elmiger und ihrem Roman ergibt, ist eines, was man sich von einer
Literatin und ihrem Werk nach einer Lesung wünscht. Keine Überlagerung des Textes durch
die schreibende Person, der Raum für Interpretation bleibt zum Glück offen. Und am Ende fühlt
man sich sogar ermutigt von der Autorin, selbst Fragen an den Text und alles darüber hinaus zu
stellen. Dieses verliehene Selbstbewusstsein bringt sogar einige dazu, am Ende der Lesung
kritische Fragen bezüglich der Zugänglichkeit dieses sperrig anmutenden Textes zu stellen, gab
es doch einige Stimmen, denen diese negativ aufgefallen sei. Aber Elmiger bliebt bei ihrem
Text und bei dem, was Schreiben und Fiktion für sie bedeutet: ein Abschreiben der Wirklichkeit,
eine Reflexion über Bedeutung und Erleben, und dass damit jeder etwas anfangen kann, mehr
oder weniger, und vor allem jeder Unterschiedliches.
Die Lesung hat viel über „Die Holländerinnen“ gesagt und gleichzeitig auch nichts. Viele
Fragen sind offengeblieben, neue hinzugekommen – Ist vielleicht doch alles eine „große
Metapher“? Doch als man von Dorothee Elmigers Anwesenheit, in der man sich gesehen fühlt,
obwohl sie wenig zu ihren Zuhörenden schaut, Abschied nimmt, ist man doch auf eine Art
zufrieden damit, nicht alles auflösen zu können. Denn das Wichtigste, für Elmiger und für uns,
bleibt: das gegenseitige Erzählen, das Sprechen über Erlebtes und das Zuhören, das Trost und
Sicherheit gibt.