Apfelzweige

© privat

Von Neele von Döhren

Dieser Text ist im Seminar „Kreatives Schreiben zu Kunst“ bei Anke Fischer im Wintersemester 2022/23 entstanden. Die Aufgabe war es, die Geschichte zu einem der Bilder aus dem Raum mit den Kunstwerken der Künstlerkolonie Worpswede in der Kunsthalle Bremen zu erzählen. Neeles Wahl ist auf „Frühlingstag“ von Hans am Ende gefallen. 

Heute war nicht Malinas Morgen. Erst war das Brot nicht das richtige, dann das Buch. Baden wollte sie auf keinen Fall. Auch nicht ihr Kleid anziehen. Oskar wollte sich nicht von ihr streicheln lassen und verkroch sich in seinem Körbchen. Dann kippten die Bauklötze um und der Teddy war nicht auffindbar. Alles war falsch.

„Malina, komm, wir gehen in den Garten. Schau mal, Oskar ist schon vorgelaufen.“ 
Ich öffnete die Tür und hielt ihr ihre Schuhe hin. Sie stand unschlüssig in der Tür, schlug mir dann die Schuhe aus der Hand und rannte los. Ich seufzte. Egal, dann eben heute ohne Schuhe.

Jetzt sitze ich hier unter einem unserer großen Apfelbäume. Sie blühen weiß, das Gras erstrahlt in einem satten Grün. Dazwischen vereinzelte Löwenzahnköpfchen. Im Hintergrund leuchten die Rapsfelder gelb und verströmen ihren unverkennbaren Frühlingsduft. Ein leichter Wind bewegt die Zweige. Ich schließe meine Augen. Fünf Minuten Pause, nur für mich. Die Sonne hat das erste Mal in diesem Jahr so richtig Kraft und wärmt meinen Rücken.
Ich höre, wie Malina mit Oskar über die Wiese tollt. Sie rennt vorweg, er ihr hinterher. Sie springen, fallen, stehen wieder auf, laufen weiter. In meinen Ohren hallen ihr Lachen und sein Bellen. In der nächsten Woche wird Malina schon vier.
Ich öffne meine Augen und beobachte die beiden. Ich kann mich kaum sattsehen an ihrem kindlichen Glück, von dem heute Morgen nicht viel zu spüren war. Doch jetzt scheint es mit voller Kraft zurück zu sein. Vielleicht ist es Oskar, der ihr diese Unbeschwertheit gibt. Sie sind die besten Freunde, die liebsten Spielkameraden. Sie rennen gemeinsam auf mich zu, ihr Lachen und sein Bellen werden lauter, bis sich erst Malina und dann Oskar in meinen Schoß fallen lässt. Wir lachen. Vielleicht sogar Oskar. Ich nehme Malina richtig zu mir auf den Schoß. Oskar legt sich neben uns, seine Schnauze in Malinas Schoß. So sitzen wir zu dritt unter diesem Apfelbaum mit seinen weißen Blüten. Ganz gebannt beobachtet Malina eine Biene, die von Blüte zu Blüte fliegt. Oskar atmet gleichmäßig. Und ich schließe meine Augen wieder.

Plötzlich steht Malina auf und schaut mich an: „Mama, können wir etwas von diesem Tag mit ins Haus nehmen?“ Ich zögere, möchte diesen Tag hier draußen lassen, jedenfalls den Vormittag, den sie vielleicht schon wieder vergessen hat. Ich überlege, stehe auf und pflücke einen der blühenden Äste des Apfelbaums. Als ich ihn Malina in die Hand drücke, strahlt sie mich an. Scheinbar ist heute doch nicht alles falsch.
„Kann ich den heute Abend mit ins Bett nehmen?“, fragt sie mich. 
„Dann welken die Blüten“, sage ich. „Aber wir können ihn in einer Vase in dein Zimmer, direkt vor dein Bett stellen. Dann kannst du ihn im letzten Moment vor dem Einschlafen und im ersten Moment nach dem Aufwachen sehen.“ Sie überlegt, dann nickt sie und greift mit ihrer freien Hand nach meiner und zieht mich in Richtung Haus: „Kann ich mir eine Vase aussuchen?“