Dunkelheit

© privat

Von Neele von Döhren

Dieser Text ist im Seminar „Kreatives Schreiben zu Kunst“ bei Anke Fischer im Wintersemester 2022/23 entstanden. Die Aufgabe war es, die Geschichte einer der Personen auf den Bildern von Max Beckmann zu erzählen. Neeles Wahl ist auf „Dame mit grauem Capuchon“ gefallen. 

Da war 
Licht
gewesen, aber es war gewichen. 
Dunkelheit
umhüllte sie wie der 
schwarze Samt
ihres Mantels ihren Körper. 
So saß sie an einem Tisch, an dem vor ihr schon 
viele andere 
gesessen hatten. 
Mit dem Daumennagel ihrer rechten Hand strich sie unaufhörlich ihren linken Arm 
herauf und herab. 
Herauf und herab. 
Herauf und herab. 
Herauf und herab. 
Bis die Haut einen Striemen in der Farbe ihrer rot lackierten Fingernägel hatte. 
Schmerz
fühlte sie keinen. 
Nicht mehr.
Starr
blickte sie ihrem Gegenüber in die Augen. 
Sie klagte ihn an, ohne noch die Kraft dazu zu haben.  
Sie würde 
nicht sprechen. 
Vielleicht nie wieder.
Sie blieb 
regungslos,
ihr Blick 
erbarmungslos.
Nur ihr Daumennagel grub sich immer weiter in ihren Arm. 
Sie erwartete nichts, 
wartete nicht auf das erste Wort ihres Gegenübers. 
Sie hatte in ihrem Leben schon häufig gewartet, 
zu viel erwartet. 
Sie könnte jeden Moment 
aufstehen
und gehen.
Zwischen ihnen die Dokumente. 
Die alles verändert hatten. 
Die bestätigten, dass aus dem Licht die Dunkelheit geworden war. 
Aus dem Tag die Nacht. 
Aus dem Leben der Tod. 
An ihrem Daumennagel sammelte sich Blut.