
von Carla Bühl
Judenfetisch. Ein gemeines, provokantes Wort. Es bedeutet die Unmöglichkeit einer neutralen Haltung gegenüber dem Judentum – im positiven wie im negativen – die, besonders in Deutschland, zu einer Projektionsfläche heranwächst und Deborah Feldman mit der Frage zurücklässt, ob es überhaupt einen authentischen Raum für jüdische Identität in Deutschland gibt. Denn sie beobachtet seit der zunehmenden Relevanz von Identität noch etwas: Die Widersprüchlichkeit zwischen der öffentlichen Vertretung des Judentums und dem ‚echten‘ jüdischen Leben in Deutschland, welches sie und unzählige andere führen.
In essayistischer Form verknüpft Deborah Feldman zwei unterschiedliche Zeitebenen, um der komplexen Frage nach jüdischer Identität auf den Grund zu gehen. In der Gegenwart befindet sie sich auf einer Reise nach Israel, um für ihren neuen Roman zu recherchieren und erläutert anhand ihrer Eindrücke die immer präsenter werdende Spaltung Israels in liberale säkulare und ultraorthodoxe Jüd*innen. Die Prognose der Autorin: säkulare Jüd*innen werden immer mehr zu einer Minderheit und Israel durch diese Verhältnisverschiebung zunehmend zur Theokratie. Und was passiert mit jüdischer Identität, wenn Israel als gemeinsamer Nenner, auf den sich im Judentum eigentlich geeinigt wird, nicht mehr das vertritt, was in dieses Land und das damit einhergehende Versprechen projiziert wird? Denn die Möglichkeit, sich der eigenen jüdischen Identität, der Rolle einfach zu entledigen, haben Jüd*innen besonders seit dem Holocaust nicht mehr.
Diesen Erzählstrang unterfüttert sie mit Rückblenden in ihre Kindheit und Jugend in den USA und ihre Zeit in Berlin, wo sie seit 2014 lebt. Hier geht es besonders um ihre Annäherung an jüdisches Leben an beiden Orten und die Unterschiede und Ambivalenzen, die nach ihrem Umzug deutlich wurden. Die Sprünge zwischen den verschiedenen Zeitebenen sind wichtig, um die Komplexität des Themas darzustellen, allerdings rückt die Gegenwart mit Feldmans Aufenthalt in Jerusalem dabei etwas in den Hintergrund, obwohl sie den Gegenstand ihres Buches von dort aus versucht zu skizzieren. So wirkt es etwas unstrukturiert, grundsätzlich überzeugt die Herangehensweise jedoch, weil sich der Text vom individuellen (Er-)Leben der Erzählerin zum Allgemeinen bewegt. Allerdings empfinde ich besonders die Stellen gelungen, in denen sich die Autorin (retrospektiv) Fragen zu ihrer eigenen jüdischen Identität stellt und sie mit Erfahrungen verknüpft, die sie in den USA und Deutschland gemacht hat.
Die Lektüre des Buches bedarf Konzentration und die Offenheit, eigene Ambivalenzen zuzulassen. Gleichzeitig plädiert Deborah Feldman, das wird besonders während ihres Besuchs der Yad Vashem-Zeremonie in Israel deutlich, für Annäherung, Humanismus und Ehrlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass Judenfetisch sowohl für nicht-jüdische als auch jüdische Leser*innen mindestens interessant ist, weil es nicht nur eine platte deutsche Fetischisierung der jüdischen Identität kritisiert, sondern auch die Instrumentalisierung eines bloßen „jüdischen Hintergrundes“, die sie bei vielen Personen in ihrem Umfeld beobachtet. Dabei kommt mir die Gefahr des Antisemitismus in Deutschland allerdings zu kurz, denn obwohl sie kritisiert, dass die Öffentlichkeit dahingehend nie genug von ihrer Einschätzung bekommen kann, geht mir diese Leerstelle gerade in diesem Text nicht auf.
Deborah Feldman, Judenfetisch, 2023, Luchterhand, 269 Seiten, 24,00 Euro.