Herz im Hals

Foto: privat

von Tobias Schiefer

„Es gab einmal ein Volk von friedlichen und schwachen Bauern. […] Sie dachten, wenn sie niemanden etwas antun, so tut niemand ihnen etwas. Was für ein Irrtum.“

Das friedliche Volk, dessen Selbstbestimmung durch die Geschichte hinweg immer wieder infrage gestellt wird, steht im Zentrum von Tanja Maljartschuks Essayband Die Geschichte geht gleich weiter, wir atmen nur aus. Ihre 21 Essays reichen von 2014 bis 2022 und stellen sich dabei immer wieder denselben Fragen: Wie kann eine Nation unter ständiger Existenzbedrohung zu sich selbst finden? Wie soll mit der Sprachlosigkeit angesichts des Krieges umgegangen werden? Letzteres beantwortet das Buch durch sich selbst: Schreiben, erzählen und sprechen, vor allem widersprechen.

Tanja Maljartschuk erkundet in ihren Essays die tief verwurzelte Gewaltgeschichte der Ukraine, geprägt von der ständigen Bedrohung durch den großen Nachbarn Russland. Russland, das Land, das das Wort Bruder für die Ukraine verwendet und es zugleich gefangen nehmen und versklaven möchte. Maljartschuk nimmt teils radikale Positionen ein, bleibt jedoch in ihrem Schreiben realistisch. Sie geht mit der Ukraine ins Gericht über verpasste Chancen, mit Russland dem Peiniger, aber auch mit sich selbst und ihrer Familie. Maljartchuk erzählt unverblümt über die Korruption und das Verraten demokratischer Maßstäbe in der Ukraine in den neunziger und nuller Jahren oder über die Unterdrückung und Verbrechen der Sowjetunion sowie seinem Nachfolger Russland. Auch kommt in ihren Essays eine nicht häuslich gewaltfreie Kindheit zur Sprache. Dabei wechselt die Autorin immer wieder zwischen analytischem Ernst und Humor sowie Ironie.

Es ist schwierig zu sagen, dass es Freude macht, dieses Buch zu lesen, weil die Thematik eine so bittere ist. Treffender ist eher Bewunderung für das Geschriebene, dass selbstreflektiert und selbstkritisch die dargestellte Epoche in scharfen Formulierungen erfasst. Gleichzeitig kreiert sie eine emotionale Tiefe, die einen Blick für Außenstehende in die Gefühlswelt einer Ukrainerin bietet. Diese Gefühlswelt macht es jedoch gerade schwer, das Buch in einem zu lesen. Die einzelnen Essays bilden den Ausdruck der Thematiken und Emotionen, die Maljartschuk zu den einzelnen Zeitpunkten umhergetrieben haben. Aber eine Pause nach einzelnen Essays zu machen und das Gelesene auf einen wirken zu lassen, ist vielleicht sogar ratsam, um es besser verarbeiten zu können.

Nach dem Lesen Maljartschuks Essayband bleibt eines klar: Ihr Herz schlägt unaufhörlich in ihrer Brust für ihr Land und durch ihre Essays ist es ihr gelungen, dieses Herz durch ihren Hals herauszubringen. Ihr Herz ist kein ‚Kloß im Hals‘, der ihre Sprache verschlägt, sondern gerade diese befeuert.

Tanja Maljartschuk, Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus, 2022, Kiepenheuer&Witsch, 176 Seiten, 20€

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