
von Jana Knösel
„In Bosnien wird die Generation meiner Eltern die ‚entwurzelte‘ oder die ‚ausgerissene‘ genannt. Meine Generation aber hat keinen Spitznamen, wir sind die Vergessenen.“
Tijan ist gerade einmal 10 Jahre alt, als in seiner Heimatstadt Sarajevo die erste Granate fällt. Das Versprechen seines Vaters, dass es dabei bleibt, wird nicht gehalten. Von einem auf den anderen Tag ist Tijan ein Kind im Krieg. Es beginnt eine neue Normalität, denn irgendwann hört man die Granateneinschläge nicht mehr.
Seine Akademikereltern sind dabei keine große Hilfe. Denn im Krieg helfen Bücher nicht gegen den Hunger, die Kälte und die Langeweile. Zusammengepfercht in alten Skianzügen, versorgt durch einen befreundeten Ganoven und bewaffnet mit einem kleinen Radio hält Tijans Familie durch. Mit seinen Freunden Rafik und Sead zieht Tijan durch die Straßen. Sie plündern verlassene Geschäfte, abgebrannte Kioske und zurückgelassene Wohnungen auf
der Suche nach Zigaretten und Pornoheften, um diese mit den ausländischen Soldaten, den Blauhelmen, gegen etwas Süßes oder Batterien für das kleine rote Radio zu tauschen. So ist die Kindheit im Krieg.
Tijan Sila schreibt in Radio Sarajevo nicht über eine erfundene Figur, sondern über sich selbst. Er erzählt rau, ungeschönt und an manchen Stellen gar plump, wie er den Krieg erlebt hat. Die Erzählung erstreckt sich über mehrere Jahre und springt von Momentaufnahme zu Momentaufnahme.
Am Ende weiß ich ein bisschen, wer Tijan war und ein bisschen nicht. Man lernt wenig über ihn vor dem Krieg und wenig über ihn danach. Nur kleine Brocken werden einem hingeworfen, wodurch das Bild löchrig bleibt. Doch das Gefühl für die Zeit in Sarajevo ist da. Wie eine andere Welt, die so normal geschildert wird, sodass man selbst irgendwann abstumpft. Was hängen bleibt, ist befremdlich: Die Selbstverständlichkeit, mit der Tijan von Gewalt erzählt und sie auch aus seiner Erwachsenenperspektive kaum einordnet. Die Unverblümtheit, mit der er erzählt und in der schon die Kinder miteinander reden. Nichts wird beschönigt oder umschrieben. Es spiegelt eine Realität wieder, die mir selbst fremd geblieben ist.
Es wäre eine Lüge zu sagen, dass Radio Sarajevo mich nicht berührt hätte. Doch anders, als ich es erwartet habe. Für mich ist das Buch keine herzzerreißende Geschichte, es hinterlässt kein beklemmendes Gefühl, kein aufrichtiges Mitgefühl. Denn trotz der Ich-Perspektive kam ich nicht in die Gefühlswelt von Tijan hinein. Es bleibt die Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, wie von einem Cousin, den man nur zu den Feiertagen sieht und über den man hin und wieder über zwei Ecken Geschichten hört. Man ist verbunden, aber gleichzeitig ist man einfach nicht nah genug dran. Was mich letztlich berührt hat, ist, wie wenig es mich berührt hat. Wie abgeklärt die Erzählung wirkt und damit auch man selbst abgeklärt ist für eine Situation, die eigentlich so schlimm ist.
In seinem Epilog schreibt Tijan Sila, dass er die Geschichte der Vergessenen erzählen will.
Seiner Generation. Das tut er.
Tijan Sila, Radio Sarajevo, 2023, Hanser Berlin, 176 Seiten, 22€