
von Aline Dombrow-Siebelds
Wien. Eine traditionsreiche Bildungseinrichtung im Stil eines elitären Internats. Ein Junge hängt zwischen den Welten einer autoritären Schulform und dem Streben nach Freiheit im Leben.
Nicht grundlos wurde dem österreichischen Schriftsteller Tonio Schachinger für seinen Coming-of-Age-Roman Echtzeitalter der Deutsche Buchpreis 2023 verliehen. Mit Humor und Tiefgang erschafft er eine Erzählung mit unterschiedlichen Verbindungen. Als Leser*innen bewegen wir uns zwischen den Lebenswelten der Jugend und denen der Erwachsenen, dem Analogen und dem Digitalen, den Pflichten und den Freiheiten.
Gemeinsam tauchen wir in die Wiener Gassen ein und erhalten Einblicke in das Marianum. Wir lernen einen Jungen kennen, der sich mit schwierigen und schmerzhaften Thematiken auseinandersetzen muss. Wir erhalten die Möglichkeit uns in die Zeit der Pubertät zurückzuversetzen und gewinnen die Chance auch unsere eigenen Werte neu zu denken.
Die Geschichte handelt von einem Jungen namens Till. Till wird Teil des elitären Gymnasiums ‚Marianum‘ in Wien. Neben seinem äußert strengen und autoritär geprägten Klassenlehrer, dem Dolinar, hat er noch mit den häufig anzutreffenden Problematiken eines pubertierenden jungen Menschens zu tun. Mobbing, Schulstress, Eltern, Freundschaften und auch die Liebe stellen für Till Herausforderungen des Erwachsenwerdens dar. Seine Auszeit findet er in seinem Hobby, Gaming. Hier flüchtet sich Till in eine Freiheit und entzieht sich durch sein Lieblingsspiel ‚Age of Empires 2‘ der Realität.
Dass Gaming für Till mehr als nur ein Hobby ist, zeichnet sich im Laufe des Romans besonders dadurch ab, dass er sich als einer der weltweit besten Spieler in der Gamer-Szene etabliert. In dieser Welt ist Till bekannt und für viele Teilnehmende ein Held. Doch dieser digitale Erfolg findet in der Realität und unter den Erwachsenen wenig oder eher keinen Anklang. Vielmehr bringt ihn sein Rückzugsort in wiederkehrende Schwierigkeiten mit dem Dolinar, welcher weder Interesse noch Verständnis für diese Art von Hobbys zeigt.
Der Dolinar ist streng. Seine Werte und die des Marianums stehen für ihn an erster Stelle. Disziplin und Ordnung werden von ihm schon beinahe in einem militärischen Stil ausgeübt. Diese Haltung erwartet er auch von seiner Schüler*innenschaft. Wer seinen Anforderungen nicht gerecht wird, wird bestraft. Oftmals erstecken sich diese Bestrafungen in die Freizeit der Schüler*innen, wodurch das Wort „Freizeit“ von vielen Kindern der Dolinarklasse als Mythos betrachtet wird.
Auch Till muss sich mit den alten Werten, der strengen Disziplin und den freiheitsberaubenden Bestrafungen des Dolinars auseinandersetzen, wodurch insbesondere Freundschaften und Hobbys untergehen.
Nach dem Tod von Tills Vater wird ‚Age of Empires 2‘ sein neuer Zufluchtsort. Der Rückzug aus seiner Lebensrealität bereitet ihm nicht nur im Kontext der Schule große Schwierigkeiten, sondern bringt auch immer wiederkehrende Strapazen mit seiner Mutter mit. Erst als Till zwei neue Freundinnen in sein Leben lässt, sich von seinem Computer löst und das Rauchen und den Alkohol für sich entdeckt, verändert sich das Verhältnis zu seiner Mutter.
Till durchläuft unterschiedliche Phasen seines Lebens und als Leser*in begleiten wir den Jungen auf seinem Weg zum Erwachsensein.
Tonio Schachinger erschafft mit Tills Geschichte eine Welt, die eine Realität von jungen Menschen abbildet und sich kritisch mit unserer Gesellschaft auseinandersetzt. Die Erzählung beleuchtet die Problematiken, durch die ein junger Mensch oftmals gehen muss und zeigt auf, wie wenig Verständnis diese von Erwachsenen erhalten.
Was ist wirklich wichtig und wer bin eigentlich ich? Mit diesen Fragen muss sich Till auseinandersetzen und beleuchtet damit den Konflikt zwischen den Generationen. Tonio Schachinger schafft es einen Einblick in die Gedanken dieser Welten zu geben und vermittelt zudem die komplexen Situationen, in denen sich ein junger Mensch bewegt.
Tonio Schachinger wurde bereits 2019 für seinen Roman Nicht wie ihr für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit seiner Coming-of-Age-Erzählung Echtzeitalter schaffte er es die Jury und viele Leser*innen zu überzeugen. Tonio Schachinger hat einen sozialkritischen Roman mit Unterhaltungswert geschaffen. Gekonnt bringt er Themen wie Klassismus und Privilegien, konservatives sowie rechtsorientiertes Gedankengut und die Unstimmigkeiten von Generationen rüber und verarbeitet diese mithilfe der Geschichte eines Jungen, der sich selbst finden muss.
Tonio Schachinger, Echtzeitalter, 2023, Rowohlt, 368 Seiten, 24€

Aline Dombrow-Siebelds studiert Inklusionspädagogik und Germanistik auf Lehramt für Gymnasien und Oberschulen. Zuvor hat sie bereits eine Ausbildung als Kauffrau im Dialogmarketing absolviert und sich ehrenamtlich bei der Lebenshilfe Bremen engagiert, wodurch sie ihren Wunsch nach einem Beruf im Bereich des Sozialen entdeckt hat. Derzeit arbeitet sie bereits als Sonderpädagogin für den Bereich Wahrnehmung und Entwicklung. Neben den wissenschaftlichen Texten und Romanen, welche sie in der Uni lesen und aufbereiten muss, vertieft sie sich gerne mit einer kuscheligen Decke und einer heißen Tasse Tee in die moderne Belletristik. Das Studium wird sie voraussichtlich im Sommer 2024 beenden und freut mich bereits darauf wieder mehr Zeit für ihren eigenen SuB (Stapel ungelesener Bücher) zu haben.