Jedes Kind kostet einen Zahn

Foto: privat

von Anna Schott

Es gibt einige Romane, die sich mit Mutterschaft beschäftigen, vom Hineinfinden in die Rolle der Mutter handeln und von der Einsamkeit und den körperlichen Veränderungen, die es mit sich bringen kann, Mutter zu sein. Auch die Mutter in Katharina Mevissens Roman Mutters Stimmbruch ist einsam, und der Text beschreibt die körperlichen Veränderungen, die Mutter im Laufe der Zeit durchmacht, detailliert. Sie ist auch eine Mutter im Sinne des Kinderhabens, was jedoch eine untergeordnete Rolle spielt, denn sie befindet sich in einer anderen, schon späten Lebensphase: blutet nicht mehr, die Kinder sind lange aus dem Haus, der Körper wird gebrechlicher, funktioniert anders oder weniger.

In 60 Miniaturen führt die Erzählinstanz die Leser*innen durch ungefähr ein Jahr, beginnend im Herbst und endend im Winter darauf, begleitet die Figur der Mutter in ihrem Transformationsprozess. Mutter wohnt allein in ihrem alten Haus, dessen Dach nicht mehr dicht und das auch sonst in die Jahre gekommen ist, und analog dazu gibt auch ihr Körper auf; sie wird schwächer, bekommt Zahnschmerzen und schwere Erkältungen, und schließlich verliert sie ihre Stimme und ihre Zähne. Mutter verlässt ihr Haus und zieht in die Stadt, wo sie sich schließlich neu einrichtet, in einer kleinen Wohnung, mit neuen Zähnen – dem Gebiss – und einer neuen, tieferen, ihrer dritten Stimme.

Katharina Mevissen erzählt die teilweise skurrilen Erlebnisse von Mutter in kurzen Sätzen und mit starken sprachlichen Bildern. Wenn Mutter vom Meer träumt oder durch es hindurchtelefoniert, die Blumen und Grünflächen mit ihrem Radio beschallt oder auf dem Dreimeterbrett ein Lied performt, schafft es der Text, in all seiner Tragik komisch zu sein und in all seiner Komik tragisch. Dabei gelingt es der Autorin, dass das Altsein nie als hoffnungslos oder trist erzählt wird, sondern durch die traurig-schönen Bilder und die an Metaphern reiche Sprache in einer Vielschichtigkeit gemalt, die Hoffnung macht und schmunzeln lässt. Dabei spielt sie wiederholt mit verschiedenen Begriffen aus dem Themenbereichs des Geborenwerdens und Aufwachsens – Zähne, Wurzeln, Wasser, Stimme – die auseinandergenommen und neu zusammengesetzt werden.

Die 112 Seiten des Buches sind durchzogen von Illustrationen der Künstlerin Katharina Greeven, zeigen mal Zähne oder einen Hörer, mal ein Gebiss. Die Illustrationen fügen sich wunderbar in den Text und greifen Gegenstände, die für diesen wichtig sind, auf; machen ihn so nochmal anders erfahrbar. Katharina Mevissens Roman wurde dieses Jahr mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet und ich empfehle die Lektüre wärmstens.

Mutters Stimmbruch, Katharina Mevissen, 2023, Wagenbach, 112 Seiten, 22,00 Euro.

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