Erntemaschinen

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von Carlotta Labitzke

„Eine Erntemaschine gleiche ziemlich jeder anderen, und die Saisonarbeitenden, egal, welche es gerade seien, schienen immer dieselben, wie Figuren aus einer lang bekannten Geschichte“ – und genau so eine Geschichte erzählt „Ferymont“ von Lorena Simmel, erschienen im Verbrecher Verlag. Insofern zeigt der Roman eine gewisse Autoreflexivität, die die Lesenden zum Nachdenken anregt. Während er die Geschichten seiner Figuren sehr nah und scheinbar individuell erzählt, betont er auf diese Weise auch, dass es unzählige Saisonarbeitende gibt, die die beschriebenen Verhältnisse immer und immer wieder erleben. Klassenunterschiede sind ein gesellschaftlich relevantes Thema, das „Ferymont“ anschneidet, aber nicht das einzige.

Die Ich-Erzählerin steht zu Beginn des Romans in Terespol am Bahnhof und lässt das vergangene Jahr Revue passieren, in dem sie als landwirtschaftliche Hilfskraft gearbeitet hatte. Der Kreis schließt sich jedoch nicht mehr, denn der restliche Roman widmet sich ihrer Zeit in der Landwirtschaft. Sie reist aus Berlin zurück in ihr Heimatdorf Ferymont in der Schweiz. Ihr Ziel: Geld verdienen, um ihr literaturwissenschaftliches Studium beenden zu können. Dabei lernt sie Daria und Konrad kennen, zwei Saisonarbeiter*innen, die jedes Jahr hier arbeiten und deren Lebensrealitäten sich drastisch von der der Ich-Erzählerin unterscheiden. Zum Beispiel ist Daria ungefähr in ihrem Alter, aber bereits Mutter.

Ohne zu viel direkt auszusprechen, ist der Schreibstil sehr klar und ehrlich und teilweise erschütternd. Die Geschichte spricht für sich und wirkt sehr wirklichkeitsnah. Das Buch macht  viel bewusst, was einem sonst vielleicht nicht so präsent gewesen wäre, und bringt die Klassenunterschiede zwischen der Ich-Erzählerin und ihren Kolleg*innen an die Oberfläche. Die anderen Figuren öffnen sich der Protagonistin nie wirklich, auch wenn sie es zu versuchen scheinen. So wird auch dem*der Leser*in die Welt der Saisonarbeitenden verschlossen bleiben, die so anders ist als die eigene. Es ist ein Eintauchen in eine Welt, von der man weiß, dass man nicht hineingehört.

Über das Leben der Protagonistin in Berlin erfährt man wenig, aber warum auch? Wir können es uns alle vorstellen. Somit kann man sich als Leser*in aus deutschsprachigen Ländern sehr gut mit ihr identifizieren – insbesondere als weibliche Leserin, denn wenn die erzählende Studentin sich mit der arbeitenden und Kinder aufziehenden Daria vergleicht, reflektiert das zumindest für mich auch persönliche Gedankengänge. Dass die Ich-Erzählerin keinen Namen hat, verstärkt die Identifikation mit der Figur stark. Am Ende fühlte ich mich wie sie, am regnerischen Bahnhof sitzend und an Daria denkend, während ich auf meinen Zug warte – natürlich mit Verspätung.

Es geht um Situationen, die für mich als Leserin erschreckend waren, für die Saisonarbeitenden jedoch zum Alltag gehören. An Handlung geschieht erst nicht viel, während die Erzählerin ihre alte Heimat aus ihrer neuen Perspektive erst kennenlernen muss. Bis dann plötzlich doch alles ganz schnell geht. Dennoch hatte ich insgesamt das Gefühl, dass dieser Roman stark auf Emotionen setzt und das Leseerlebnis weniger auf Spannung basiert als auf der Vermittlung von Eindrücken und Gefühlen – auf eine äußerst gelungene Weise, die mir sehr gut gefallen hat. 

Die Erzählerin bleibt in ihrem Heimatdorf mehr eine Beobachterin, die alles um sich herum in sich aufnimmt. Auf den 176 Seiten ist nichts zu viel und nichts zu wenig und so ist „Ferymont“ ein sehr gelungener und wirklich empfehlenswerter Debütroman.

Ferymont von Lorena Simmel, Verbrecher Verlag, 176 Seiten, Hardcover, 22€

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