
Dienstag, der 29. Oktober 2024. Ich befinde mich auf dem Weg in die Stadtbibliothek Bremen. Am heutigen Abend findet dort im Rahmen des globale°-Festivals eine Lesung von Gaea Schoeters aus ihrem Roman Trophäe statt. Zunächst habe ich Schwierigkeiten, den richtigen Eingang zu finden. Statt planlos umherzulaufen, entscheide ich mich dazu, eine Mitarbeiterin nach einer Wegbeschreibung zu fragen. Es ist 17:45 Uhr, als ich den Raum betrete. Bis zum Beginn der Lesung bleibt noch etwas Zeit. Der Raum ist bereits gut gefüllt, und mein Blick fällt sofort auf die Leinwand, auf der das Buchcover zu sehen ist. Ich versuche mich zu orientieren und schaue mich nach freien Plätzen um. Tatsächlich sind bis auf die letzten Reihen alle Plätze belegt. Glücklicherweise stehen weiter hinten noch Stühle bereit, die dazugestellt werden können. Ich habe nun einen Platz gefunden und setze mich. Ich betrachte die Umgebung um mich herum. Auf den ersten Blick fällt mir auf, dass der Großteil des Publikums aus älteren Generationen besteht. Die Geräuschkulisse ist geprägt von Unterhaltungen und dem Quietschen der Stühle, die zurechtgerückt werden. Die hellgrüne Beleuchtung rund um die Leinwand schafft ein gemütliches Ambiente. In der Zwischenzeit betreten immer mehr Menschen den Raum.
Die Lesung beginnt pünktlich um 18 Uhr mit einer Begrüßung durch Jana Siegert. Sie betont, dass die Stadtbibliothek Bremen bereits seit vielen Jahren zu den Kooperationspartnern des globale°-Festivals gehört. Das Festival existiert seit 2007 und dient als Forum für die Vielfalt der Literaturszene. Das Ziel ist es, den Dialog, die Mehrsprachigkeit und Transnationalität zu fördern. Im Zuge der Begrüßung lernt das Publikum auch Dr. Urania Milevski kennen. Seit 2019 ist sie als Lektorin an der Universität Bremen tätig und moderiert das heutige Gespräch.
Bevor es mit dem eigentlichen Gespräch über den Roman weitergeht, werden noch einige Worte zur Autorin selbst gesagt. Gaea Schoeters ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Dolmetscherin, Journalistin und Drehbuchautorin. Sie setzt sich zudem für mehr Gleichberechtigung in der Literaturbranche ein und wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Derzeit befindet sie sich auf einer Lesereise. Die Gäste applaudieren und Urania Milevski nimmt zusammen mit der Autorin an dem Tisch auf der Bühne Platz.
Das Thema, das im Mittelpunkt ihres jüngsten Romans Trophäe steht, ist die Großwildjagd. Interessanterweise sei die Idee für das Buch, wie Gaea Schoeters selbst erzählt, spontan entstanden und während des Schreibprozesses weiterentwickelt und vertieft worden. Die Handlung beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Großwildjagd. Vielmehr geht es um die persönliche Entwicklung des Protagonisten Hunter White und darum, wie das Identitätskonstrukt der Figur, das anfangs noch gefestigt ist, immer mehr zu bröckeln beginnt. Weitere Themen wie die westliche Gesellschaft, das Verständnis von Männlichkeit und Dominanz, Geschlechterverhältnisse, Geld und Überlegenheit sowie der neokoloniale Blick auf Afrika spielen in dem Roman eine bedeutende Rolle. Die Autorin nutzt diese kritischen und auch sensiblen Themen, um damit auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen.
Die Fragen der Moderatorin werden von Gaea Schoeters offen und ausführlich beantwortet, was zu einem interessanten und aufschlussreichen Austausch führt. Das Gespräch gibt Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Romans, die Inspirationen und den zwei- bis dreijährigen Schreibprozess der Autorin. Trotz der ernsten Themen fühlt sich die Atmosphäre locker und vertraut an. Das Publikum hört interessiert zu und nur aus den Augenwinkeln nimmt man den Fotografen wahr, der leise von einer Stelle zur nächsten läuft, um die optimale Perspektive zu finden und den Moment einzufangen. Insgesamt werden 3 Passagen aus dem Buch vorgelesen, eine davon von Urania Milevski. Es ist beeindruckend, wie die geschriebenen Worte und beschriebenen Emotionen plötzlich zum Leben erweckt werden. Als Zuhörer*in ist alles, worauf man sich in dem Augenblick konzentriert, die Stimme, die einen tief in die Geschichte hineinzieht. Eine wichtige Botschaft des Romans, die sich im Laufe des Gesprächs immer deutlicher herauskristallisiert, ist die Notwendigkeit, uns unserer inneren Vorurteile und Denkmuster bewusst zu werden – Einstellungen und Weltbilder, von denen wir uns sonst distanzieren und die wir bei anderen nicht gutheißen würden. Denn der Weg zu Veränderungen fängt bei uns an.
Es ist 19:15 Uhr und die Lesung neigt sich dem Ende zu. Im Anschluss haben die Besucher*innen die Möglichkeit, das Buch zu kaufen, es signieren zu lassen und mit der Autorin ins Gespräch zu kommen.
Es folgen noch ein paar abschließende Worte: Ich finde es sehr bemerkenswert, wie klar und deutlich Gaea Schoeters die Textpassagen auf Deutsch vorgelesen hat. Wie das Publikum an diesem Abend erfahren durfte, hat sie die deutsche Sprache während der Übersetzung ihres Romans gelernt. Durch die Länge der vorgelesenen Textstellen und die Fragen der Moderatorin wurde nach meinem Empfinden jedoch etwas zu viel vom Inhalt verraten. Wenn man bedenkt, dass auch Besucher*innen anwesend sein könnten, die das Buch zuvor noch nicht gelesen haben. Für Leser*innen, die den Roman bereits kennen, bot die Veranstaltung natürlich eine tolle Gelegenheit, Einblicke in die Perspektive, Motivationen und Gedankengänge der Autorin zu gewinnen. Insgesamt war es eine einzigartige Erfahrung, an der Lesung teilzunehmen und Gaea Schoeters persönlich kennenzulernen.