
von Julia Klumpe
Es geht um die weibliche Wut, häusliche Gewalt und Kindeswohlgefährdung. Wenn die Rechtsanwältin Asha Hedayati mit ihrem Buch „Die stille Gewalt“ auftritt, dann wird es ernst. Ihre Lesung am 30.10.2024, die in Kooperation von Out-Loud mit der globale° entstanden ist, hat bei dem Publikum Nachdruck hinterlassen. Vor der Lesung war die Stimmung unter den Gästen noch ausgelassen, obwohl die urige und dunkle Atmosphäre des Raumes direkt verriet, dass es an diesem Tag um tiefer greifende Themen geht.
Als dann, mit einer minimalen Verspätung, Asha Hedayati und die Moderatorin Clara Friedrich auf die Bühne traten – zwar relativ unspektakulär, aber dies war auch nicht notwendig – schlug die Stimmung schlagartig zu einer außerordentlichen Ernsthaftigkeit über. Man spürte, dass die über 100 Besucher*innen – davon ca. zehn Männer, wie Clara Friedrich zum Ende hin bemerkte – großen Respekt und Ehrfurcht vor Asha Hedayati und ihrem Buch hatten. Zu Anfang wurde eine unmittelbare Trigger Warnung für den gesamten Abend ausgerufen, was ein sehr Wichtiges aber auch wertschätzendes Detail darstellte und zeigte, unter welcher Härte der Abend stehen sollte.
Die Lesung begann mit der Vorbemerkung und dem Beginn des Buches. Hedayati machte damit deutlich, dass der Begriff „Frau“ nicht nur Cis-Frauen beinhaltet, sondern so viel mehr bedeutet. Frauen – egal ob Transfrauen, intergeschlechtlich oder nicht binär – werden hier als eine marginalisierte Gruppe gesehen, die systematische Gewalt erfährt. Dabei betont Hedayati, dass ihr Buch sich vor allem auf heterogeschlechtliche Paare abzielt und benennt direkt harte Fakten. Heute wird jeden zweiten Tag eine Frau von ihrem Partner getötet. Sie berichtigt somit ihre Aussage aus ihrem Buch von 2022, wo es zu diesem Zeitpunkt jeder dritte Tag war.
„Die weibliche Wut wird nicht ernst genommen. Die männliche Wut darf existieren, doch sobald eine Frau wütend ist, ist sie hysterisch oder zu emotional.“
Asha Hedayati liest nicht nur aus ihrem Buch vor, sondern berichtet auch von ihren Erfahrungen als Anwältin. Die Realität ist erschreckend. Nicht nur das Bildungs- und Gesundheitssystem behandelt Frauen ungerecht, sondern auch das Rechtssystem. In vielen Fällen der häuslichen Gewalt wird der Frau eine Verantwortung übertragen, statt sie zu schützen. Sie hätte eine Teilschuld. Warum hätte sie sich denn nicht früher getrennt? Es sei ein Eifersuchts- oder Eheproblem, was die Gewalt ausgelöst hätte. Dies sind Antworten von Jugendämtern und Gerichten, die in unserer Welt existieren. Hier wird das Opfer nicht geschützt, sondern verantwortlich gemacht. Statt den Täter zu bestrafen, wird sich vielmehr darauf konzentriert, was das Opfer hätte machen können, um die Gewalt zu verhindern. Es geschieht eine Täter-Opfer-Umkehrung, in der die Frau die Leidtragende ist. Das Publikum ist sichtlich mitgenommen von den Worten, die gerade eben die Luft dicker gemacht haben. Es gibt meist kein Entkommen, auch wenn man augenscheinlich „frei“ ist. Hedayati positioniert sich klar, indem sie vor Augen führt, dass die Gewalt nicht mit dem Beenden der Beziehung vorbei ist, sondern dort meist in brutalem Ausmaß weitergeführt wird. Sobald eine Frau sich für eine Trennung entscheidet – hier bezieht sich Hedayati auf Mütter – muss das Umgangsrecht des Kindes geklärt werden. Die sogenannte institutionelle Gewalt fängt nun an. Wenn eine Frau vor dem Gericht wütend ist, ist sie hysterisch. Wenn sie für sich einsteht, ist sie zu stark. Wenn sie sich wehrt, ist sie nicht erziehungsberechtigt. Die Strukturen in unserem Rechtssystem sind die psychische Gewalt, die viele Frauen zerstört und den Mann gewinnen lassen. Obwohl die weibliche Wut in solchen Fällen negativ konnotiert ist, schöpft Hedayati – so berichtet sie – ebenfalls Mut aus ihr. Die Wut treibt sie voran, lässt sie nicht stoppen und hilft ihr dabei weiterzukämpfen, für sich selbst und für alle Frauen.
„Die meiste Folge ist, dass sie [die Frauen] in wirtschaftliche Abhängigkeit geraten“
Mit der staatlichen Gewalt hört die Gewalt an Frauen jedoch immer noch nicht auf. Eine dritte Komponente wird in den Raum geworfen: Die wirtschaftliche Gewalt. Da Mütter in einer Partnerschaft meist in alte Geschlechterrollen gesteckt werden, sind sie diejenigen, die die meiste Care-Arbeit übernehmen und somit in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Eine Trennung aufgrund von Gewalt scheitert somit oft an wirtschaftlichen Faktoren. Die Frau muss sich hier zwischen Gewalt oder Armut entscheiden. Selbst wenn sie arbeiten geht, wäre es immer noch die Entscheidung zwischen Burn-Out und Armut, denn Frauen werden nicht nur weniger bezahlt, sondern viele Alleinerziehende bekommen kaum bis gar kein Unterhalt. So behauptet Clara Friedrich zurecht, dass der Spruch „bis dass der Tod euch scheidet“ in diesem Kontext eine völlig neue Bedeutung bekommt.
Das Publikum stimmt Asha Hedayati und Clara Friedrich in vielen Punkte zu. Immer wieder wird nach dem Beenden eines wichtigen Themas geklatscht, manchmal sogar gejubelt. Es kann gesagt werden, dass der Abend von Zustimmung und Erschrecken geprägt war. Die Lesung wurde aber auch interaktiv gestaltet, sodass die Menschen vor Ort digital Fragen beantworten und stellen konnte. Leider konnten – aufgrund der fortgeschrittenen Zeit – nicht alle Fragen beantwortet werden. Schlussendlich belief sich die Veranstaltung auf eine Gesamtlänge von 105 Minuten. Zwar könnte man behaupten, dass die Lesung zu lang war, aber durch die interaktive Teilnahme und den Wechsel zwischen Fragen und Lesen, wurde eine angenehme Atmosphäre des Zuhörens geschaffen. Alles in allem war die Lesung eine großartige Erfahrung. Asha Hedayati hat es geschafft jeden einzelnen Menschen mitzureißen und die frauenfeindlichen Strukturen, in denen wir leben zu benennen und in Frage zu stellen.