Pillen und Zitrusfrüchte 

(c) privat

 von Paula Blunck

„Bin ich eine gute Mutter?“, fragt Lilly Drach ihren Sohn August, während sie ihm heimlich giftige Medikamente verabreicht. Heimlich vor August, aber nicht heimlich vor den Lesenden von Valerie Fritschs neuem Roman Zitronen. Denn in ihm zeigen sich die Geheimnisse der Figuren von Anfang an unverhüllt und ehrlich. 

Es wird die Geschichte einer Familie erzählt, deren Mutter an dem Münchhausen-Stellvertretersyndrom leidet und das Kind krankmacht, um sich dann aufopferungsvoll zu kümmern. Die Frage danach, ob man seine Rolle in der Familie gut genug erfüllt, quält die Figuren, bis wohin man bereit ist, Opfer zu bringen, und wo das eigene Verlangen, die eigene Freiheit, das eigene Leben anfängt. 

Zitronen handelt von der sauren Wahrheit darüber, was das Leben mit Menschen macht, wie sie zu denen gemacht werden, die sie sind, und was sie zu den Dingen befähigt, die sie anderen und sich selbst antun. Aber diese Erkenntnis gewinnt man während des Lesens nicht mit Erschrecken oder Abscheu. Eher verändert sich die Wahrnehmung von Schuld und Verbrechen durch die schleichende Identifikation mit den Figuren. 

Die Handlung lebt von diesen Figuren, Valerie Fritsch beschreibt sie so lebendig menschlich, so empathisch, so dass man sich in jeder Person ein klein wenig wiederfinden kann. Die Inneneinsicht der Figuren durch eine auktoriale Erzählperson und wenig wörtliche Rede hat Verständnis mit allen, verurteilt nichts. Jeder Satz blickt tiefer hinein in das Denken und Leben der Mutter und des Sohnes und auch des verschwundenen Vaters, eröffnet eine neue Perspektive. Ihr Satzbau ist verschieden, nie findet sich eine Formulierung zweimal. Diese totale Abwesenheit von Redundanz ermöglicht, sich komplett in dem eindrücklich bildlichen Stil von Fritsch, die außer Autorin auch Fotografin ist, zu verlieren. Man atmet die stickige Luft im Krankenzimmer ein und pflückt wie August, der das erste Mal Freiheit spürt, italienische Zitronen in der Sommersonne. Doch Fritschs Sprache lässt nicht nur die Sinne das Leben des Krankgemachten begleiten, sie erweckt auch Mitleid mit der Mutter, die Verlorene, die sich in der Sorge wiederfindet. 

Ihre Geschichte wird nicht rückwirkend als Entschuldigung oder Erklärung für ihr Handeln erzählt, sondern ihre Innerlichkeit wird von Anfang an zum Gegenstand der Handlung und so wird die Vergangenheit und die Persönlichkeit als Voraussetzung für ihre Handlungen verdeutlicht.

Die Beschreibung der Mutter bekommt viel Raum und hat den ersten der zwei Teile des Romans fast ganz für sich. Sie ist darin der Mittelpunkt einer Familie von Menschen, die alle am liebsten woanders wären und selbst, wenn sie zusammen sind, nicht beieinander sind. Die Bedeutung der Familie scheint auf den ersten Blick zweitrangig, hat man es doch mit abgegrenzten Individuen zu tun, die jeweils ihre eigene Geschichte haben. Doch Zitronen zeigt, wie sehr uns die auferlegten und selbst angenommenen Rollen prägen und warum man immer in ihren Fängen bleibt. Die Figuren erdulden, verzeihen, bereuen, wollen wiedergutmachen und rechtfertigen gleichzeitig ihr Verhalten mit der Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist. Vor allen Dingen nehmen sie alles mit von ihren Eltern, die guten und die schlechten Seiten, man kann sich nicht aussuchen, wann aus einem selbst der gewalttätige Vater herausbricht und wann die Verlustängste der Mutter von einem Besitz ergreifen. August ist der zweite Teil gewidmet, und die Gegenüberstellung der beiden Figuren lässt einen verzweifeln angesichts der Grausamkeit und der Einfühlsamkeit des Romans. 

Zitronen erinnert an einigen Stellen an die kürzeren Romane von Elena Ferrante (Lästige Liebe, Frau im Dunkeln), die italienische Idylle mit dysfunktionalen Familienkonstrukten mischt. Ihre Figuren tun Unbegreifliches, um sich zu rächen für die Gemeinheiten ihrer Kindheit, um sich gegen ihre Mütter aufzulehnen, gegen ihre Kinder. Und letztendlich gibt es auch bei Fritsch eben diese Mischung, diese Gegensätzlichkeit vom Zitronensommer und dem Haus am Rande des Dorfes, der Mutterliebe und der häuslichen Bedrohung – es ist die Schönheit der kleinen Grausamkeiten. 

Mit Zitronen hat die mehrfach ausgezeichnete Valerie Fritsch einen grausam schönen Roman geschrieben, der ihre Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, das Beobachtete so nah und bildlich zu beschreiben, unter Beweis stellt und der ihr sicherlich einen weiteren Preis einbringen wird 

Zitronen von Valerie Fritsch, Suhrkamp Verlag, 186 Seiten, Hardcover.

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