Empire of Time Travel: von A wie Agatha Christie bis Z wie Zeitreise 

(c) privat

von Anna Tangemann

 Ob der Bengal-Tiger auf dem Cover von Antichristie die Queen umarmt oder doch eher zu fressen droht oder ob sie gemeinsam eine Detektei gründen wollen – immerhin trägt die Lady in Pink eine stilechte Lupe im Handtäschchen mit sich herum –, wird nicht ganz klar. Offensichtlich ist nur eins: wie ambivalent, aber auch kraftvoll der Roman sich lesen wird. 

Mithu Sanyal, Jahrgang 1971 und von Haus aus Kulturwissenschaftlerin und Journalistin, setzt sich literarisch mit Themen wie Popkultur und Rassismus auseinander. Dabei sind ihre Werke ein humoristisches Plädoyer für eine reflektiertere Gesellschaft. Ihr Debüt Identitti 2021 verhalf Sanyal zum Durchbruch und sorgte dafür, dass ihr zweiter Roman Antichristie mit Spannung erwartet wurde. 

Durga Chatterjee, Tochter einer deutschen Mutter und eines indischen Vaters, ist eigentlich gerade in Trauer um ebenjene Mutter Lila, zu Lebzeiten weniger fürsorgliche Mutterfigur als esoterische Tante. Das Leben allerdings wartet nicht und so reist Durga zu einem Writer’s Room nach London, wo sie an einer antirassistischen Neuverfilmung der Agatha-Christie-Romane mitwirken soll. Ihr diverses, in sich jedoch mit diversen Streitigkeiten konfrontiertes Autor:innen-Team, wird von Protesten erwartet, weil ausgerechnet jetzt auch noch die Queen gestorben ist und erstaunlich viele Menschen die Antichristie-Mission als Untergang des Abendlandes empfinden. Und dann zerstreitet Durga sich auch noch mit ihrer besten Freundin Nena und wird kurzerhand in eine andere Zeit gezogen. In feinster Dr. Who-Manier, nur leider ohne Tardis-Rückkehrmöglichkeit, findet sie sich als Sanjeev im London des Jahres 1906 und somit in der Zeit des Kolonialismus wieder – inmitten von Figuren, die Durga bisher nur aus dem Geschichtsbuch kannte und über die sie nicht wenige Einschätzungen revidieren muss. Und dann muss nebenbei auch noch ein Kriminalfall, Typ locked room mystery, konstruiert beziehungsweise gelöst werden … 

Antichristie zündet auf stolzen 543 Seiten ein Feuerwerk der Populärkultur: Wer sich vom britischen Entertainment-Tableau unterhalten fühlt, sollte auch in Sanyals Roman auf seine Kosten kommen. Sogar Sherlock Holmes höchstpersönlich tritt auf (weniger die Arthur-Conan-Doyle-Version als vielmehr der BBC-Sherlock, bedauerlicherweise ohne Dr. Watson und Lestrade). Auch sonst ist das Werk nicht arm an Referenzen, bei denen für jeden etwas dabei sein dürfte, der seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts geboren wurde und seitdem mal den Fernseher eingeschaltet hat. Zugegebenermaßen sind diese Referenzen fast ausschließlich, und das illustriert Sanyal ohne erhobenen Zeigefinger, aber doch in aller Dringlichkeit des Problems, von Perspektiven der weißen Mehrheitsgesellschaft geprägt. „Durgas Popkultur-Interesse war wie der Brexit: ‚Global Britain‘; sonst eher nix“, wie die Protagonistin selbst treffend anmerkt. Der Roman jedenfalls regt zum Umdenken an und bereichert die deutsche Medienlandschaft um wertvolle Einblicke, die nicht zuletzt deutlich interessanter sein dürften als der hundertste Nachwende-Roman ohne jede Perspektiverweiterung. 

Sich mit Zeitreisen und der Infragestellung von Geschlechtsidentität und Sexualität anzufreunden, fällt gerade konservativen Lesern, Gendern nicht notwendig, vermutlich eher schwer. Auf Durgas beziehungsweise Sanjeevs Abenteuer einlassen sollte man sich trotzdem, denn Sanyal erzählt garantiert unterhaltsamer als jedes Fachbuch von historischen Aspekten des 19. und 20. Jahrhunderts, die sowohl im Geschichtsunterricht als auch im gesellschaftlichen Leben zu wenig Beachtung finden. 

Ganz ohne Längen allerdings kommt Antichristie gerade in der Mitte nicht aus. Die verschiedenen Fäden des Plots winden sich so durch die Zeit, dass sie zwischenzeitlich zu reißen drohen, die Komplexe Antirassismus, Kolonialgeschichte, Familie, Freundschaft, Liebe und Esoterik sind dann vielleicht doch einer zu viel. Der Roman ist angelegt wie eine Serie in zwölf Folgen, was als Form durchaus spannend ist, ohne Mattscheibe als Vermittlungsmedium jedoch nicht ganz aufgeht. Im ausführlichen Abspann erläutert Sanyal viel zu ihrer Motivation und Recherche, wodurch die im Roman geschilderten historischen Ereignisse noch einmal begleitend kontextualisiert werden. Besonders interessant: Nur drei Figuren in der erzählten Vergangenheit hat Sanyal selbst erfunden, der Rest entspringt tatsächlich der Geschichte. 

Das tut der Unterhaltsamkeit gleichwohl keinen Abbruch und weil wohl kaum jemand aus dem Stegreif mehr als drei Sätze zur britischen und deutschen Kolonialgeschichte sagen kann, verdient Antichristie trotz kleinerer Schwächen eine Lektüre. Mit dem Roman verbringt man den Abend auf jeden Fall genauso gut wie vor dem Fernseher und kommt ganz nebenbei in den Genuss, sich London through the ages anhand von Sanyals greifbaren, oft lustigen Beschreibungen selbst auszumalen. 

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