Von Anna Tangemann

Mit Schwebende Lasten legt Annett Gröschner, die als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin
lebt, einen Roman vor, der seinem Titel alle Ehre macht. In der Tat werden darin Gewichte
miteinander in Beziehung gesetzt, die zunächst regelrecht unbeweglich schwer wirken, durch
Gröschners Textkomposition jedoch zu schweben beginnen. Gröschner, Jahrgang 1964 und seit
Jahrzehnten etablierte und preisgekrönte Autorin, widmet sich literarisch immer wieder
Themen, die eine persönliche und eine gesellschaftliche Komponente vereinen, und bleibt
diesem Prinzip auch hier treu.
Man kann die Geschichte leicht nacherzählen: Vordergründig begleiten wir Hanna Krause
beinahe durch ihr ganzes Leben und damit auch durch das an Katastrophen und Veränderungen
nicht arme 20. Jahrhundert. Als Kind einer verstorbenen Mutter und eines verschwundenen
Vaters wächst Hanna bei ihren Schwestern auf, von denen zwei nur halbe sind, aber alle voll
und ganz einem Leben ausgeliefert, das man sich heute kaum noch vorzustellen vermag.
Männer, soziale Konventionen und fehlendes modernes Wissen über die Welt, zum Beispiel
darüber, wie sich einer Schwangerschaft vorbeugen ließe, determinieren Hannas Leben in
vielerlei Hinsicht von Anfang an. Ein kurzer Aufenthalt der jungen Floristin in Berlin ruft
Eindrücke der pulsierenden Großstadt auf, sie ist Moloch und Ort neuer Hoffnung zugleich. Die
pragmatische Hanna entscheidet sich allerdings für Karl, einen Magdeburger
Eisenbahnversicherungsvertreter, und mit ihm für ein Leben in dieser Stadt, für Kinder und die
vielleicht schwerste Last von allen: eine immense Verantwortung für alle um sich herum.
Hanna wird Inhaberin eines Blumengeschäfts, gewitzte Geschäftsfrau, Frau eines dem Alkohol
immer mehr verfallenden Mannes und Mutter von sechs Kindern, von denen sie nur vier
überleben. Sie wird Akteurin im sich um sie herum zuspitzenden Geschehen, versteckt kurz ein
vermutlich jüdisches Mädchen, bekommt dann aber Angst um ihre Familie und beugt sich auch
der Nötigung, ein antijüdisches Schild ins Schaufenster des Ladens, den es dann ohnehin nicht
mehr lange gibt, zu stellen. Auch die Verbindungen der Familie zur Reichsbahn und die
Implikationen einer Tätigkeit für ebenjene werden nicht ausgespart, die Arbeit für Krupp
Gruson, Stahlwerk und Kriegszulieferer, die komplexe Lage zwischen Schuld der Deutschen
und der Bedrohung für das eigene Leben, Radioansprachen Thomas Manns und
Bombenangriffen, die Hanna nie mehr vergessen kann. Sie wird schließlich Kranfahrerin,
Leserin, Möglichmacherin für ihre Töchter und währenddessen ganz nebenbei älter, weil sich
so viel verändert, dass es nur über die Spanne eines langen Lebens erzählbar ist.
Gröschner, gebürtige Magdeburgerin, zeichnet nicht nur ein Porträt von Hannas Leben, sondern
auch ein detailliertes Bild der Stadt, in der Hanna die schlimmsten und die schönsten Momente
durchlebt, die man nur erdenken kann. Magdeburg mit den Augen der Blumenhändlerin, die
ihren Platz in der Gesellschaft gefunden zu haben glaubt und verteidigen muss, einstürzende
Kirchen und Feuerbrünste im Bombenhagel und schließlich die enttrümmerte,
wiederaufgebaute Stadt, die Hanna in der entstehenden DDR wieder ein Zuhause bietet, bis
dieses Land wieder aufgelöst wird und mit ihm alle Blumenbeete, die sie so mühsam angelegt
hat.
Was bringt die schweren Lasten nun zum Schweben? In erster Linie ist es wohl die kluge
Komposition, in der zwar immer andere Szenen aus Hannas Leben erzählt werden, in der aber
der gleiche Pragmatismus mitschwingt, der ihr selbst zu eigen ist. Vieles wird viel schlechter
und dann irgendwann wieder besser, doch die übergeordnete Perspektive ist Hanna weitgehend
gleich. Zwischen vier Töchtern, harter Arbeit, freiwilligen und erzwungenen Verpflichtungen
anderen gegenüber bleibt kaum Zeit zur Reflexion, wie gut oder schlecht man es hat. Hanna
lebt im Hier und Jetzt, erhält eine begehrte Waschmaschine und „hat die mühevollen Waschtage
sofort vergessen, wie alles Schlechte, sobald es vorbei war. Fast alles.“
Vielleicht ist es daneben auch noch die im wahrsten Sinne des Wortes blumige Sprache,
mitunter an der Grenze zum Kitsch, die eine gewisse Leichtigkeit Einzug in die Erzählung
halten lässt. Hanna denkt in floralen Kategorien, die auch den Roman als solchen strukturieren.
Man hält die Kapiteltitel, allesamt Blumen- und Insektennamen, zunächst für dekoratives
Beiwerk, bis sich dann doch ein Konstruktionsprinzip, das an dieser Stelle nicht verraten
werden soll, dahinter erkennen lässt. Es mag am Ende nicht vollständig aufgehen, aber Hanna,
Floristin aus Leidenschaft, Kranfahrerin aus der Not heraus und am Ende des Tages Realistin,
für die manche Bilder leider Bilder bleiben müssen, würde sich daran wahrscheinlich nicht groß
stören.
Nicht jeder Faden des Romans wird zu einem klaren Ende geführt. Menschen verschwinden
und tauchen nicht mehr auf, Verbindungen zur Vergangenheit enden, verbrennen, reißen
unwiederbringlich ab, und gerade das scheint die große Stärke der Schwebenden Lasten zu sein.
Nicht jede Frage kann beantwortet, nicht jede Verletzung kann geheilt werden. Das gilt für
Hannas Leben ebenso sehr wie für seine zeitgeschichtliche Rahmung, und Gröschners klarer,
eingängiger Stil will bei allen Blumenmetaphern nicht darüber hinwegtäuschen. Sicher, Hanna
ist kein echter Mensch, sondern als literarische Figur in einer bisweilen schrill gezeichneten
Welt verankert. Aber man ist gewillt, über etwas fragwürdige Szenen der modernen
Selbstentdeckung, über pseudofeministische Ärzte, die ihrer Zeit ein Stück zu weit voraus zu
sein scheinen und über kleinere, möglicherweise allzu absurde Elemente hinwegzulesen. Denn
was Gröschner ausgezeichnet gelingt, ist es, ihrer Protagonistin Leben einzuhauchen und sie
unter dem Druck der Lasten immer weiter wachsen zu lassen.
Wer sich für einen Funken Lebendigkeit zwischen zwei Buchdeckeln begeistern kann, wird hier
sicher fündig, und wer denkt, das gelinge ihm nicht, wird von Hanna gewiss vom Gegenteil
überzeugt werden.
Annett Gröschner, Schwebende Lasten, 2025, C.H. Beck Verlag, 282 Seiten, 26 Euro