von: Kristin Krüger

Am 30. Juni 2026 fand in der Weserburg eine Lesung mit der Autorin und Aktivistin Sharon Dodua Otoo zu ihrem neuesten Roman So, in etwa, ist es geschehen (2026) statt. Die Lesung war Teil eines Universitätsseminars zu Schwarzer Literatur und Kunst in Deutschland und wurde im Rahmen der Ausstellung Mirrorball von Anys Reimann veranstaltet. Im Mittelpunkt des Romans steht Amata Haller, die sich jährlich am Timmendorfer Strand mit ihrer Mutter trifft, um der Opfer des Untergangs der Cap Arcona zu gedenken. Als ihr Chef Heinz Brockhaus sie in diesem Jahr dorthin fährt, wird die sommerliche Autofahrt von dessen endlosen Monolog bestimmt. Die brütende Hitze verstärkt die beklemmende Atmosphäre, bis die Situation schließlich in einem Mord eskaliert.
Die Lesung wurde durch Elisa Kraus-Zolnowski, eine Studentin aus dem Seminar, moderiert und begann zunächst mit einem Gespräch, in dem die Autorin die ungewöhnliche Form des Romans einordnete. Dieser besteht aus verschiedenen Textsorten: einem Gedicht, einem Brief an die fiktive Herausgeberin, Amatas Erinnerungen, zwei Anhängen bestehend aus einem Transkript sowie einem Nachwort und schließlich einer persönlichen Postkarte. Die Verbindung der Lesung und der Ausstellung wirkte dabei sehr stimmig. Während Anys Reimann in ihrer Ausstellung von den vielen Facetten ihrer Identität erzählt und dies besonders über die Kunstart der Collage ausdrückt, brachte Otoo diese collagenartige Herangehensweise über die Verwebung verschiedenster Textsorten zum Ausdruck.
Die Atmosphäre der Veranstaltung war offen und entspannt. Obwohl der Roman Themen wie Rassismus, Erinnerungskultur und Gewalt behandelt, wurde das Gespräch immer wieder von humorvollen Momenten aufgelockert. Sharon Dodua Otoo las lebhaft und mit viel Gespür für Rhythmus und Atmosphäre. Dadurch konnte man sich die Figuren und Situationen leicht vorstellen. Gleichzeitig entstand nicht der Eindruck eines distanzierten Bühneninterviews. Das Gespräch zwischen Moderatorin und Autorin wirkte vielmehr so selbstverständlich, als lausche man zwei Menschen bei einer Unterhaltung in einem Café.
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Erläuterung der Figur Heinz Brockhaus. Anstatt den ‘alten weißen Mann’ erneut in den Mittelpunkt zu stellen, wird seine Stimme erst gegen Ende des Romans hörbar. Dadurch wird eine Perspektive dezentralisiert, die gesellschaftlich häufig selbstverständlich den größten Raum einnimmt. Zugleich machte Otoo auch deutlich, dass auch Brockhaus unter gesellschaftlichen Erwartungen leidet und permanent versucht Weißsein und Männlichkeit zu performen. Gerade diese Ambivalenz, die sich sowohl in Brockhaus als auch in Amata zeigt, verhindert eine einfache Einteilung in Gut und Böse, verleiht beiden Figuren Tiefe und macht sie als Menschen greifbar.
Eine besonders eindrückliche Lesepassage war schließlich ein Auszug aus Brockhaus‘ Monolog. Da das Publikum wenige Tage zuvor selbst ein außergewöhnlich heißes Wochenende erlebt hatte, ließ sich die stickige Autofahrt beinahe körperlich nachempfinden. Während Brockhaus unaufhörlich redete, entstand im Publikum eine fast kollektive Erfahrung des Genervtseins, mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir der Situation nach wenigen Minuten entkommen konnten.
Die Lesung hat meine Sicht auf den Roman erweitert. Vor allem Sharon Dodua Otoos offene und humorvolle Art hat die komplexen Themen des Romans auf eine Weise zugänglich gemacht, die ihrer Ernsthaftigkeit gerecht wird. Insbesondere die Verbindung aus Lesung, Gespräch und persönlicher Reflexion hat mir gezeigt, wie vielschichtig Literatur gesellschaftliche Fragen verhandeln kann.