Auf dem Weg zu allem, was war

„Wer sind wir? Wer ist meine Mutter? Was will sie mir jetzt erzählen?“ Zwei Frauen – Mutter und Tochter – sind zu Fuß auf dem Weg durch Russland. Mit dabei: Ein Handwagen, mit dessen Hilfe sie mühsam einen großen Esstisch transportieren. Bald wird nach und nach ein Familiengeheimnis ans Licht kommen, das enger mit dem Tisch verknüpft ist, als zunächst gedacht. 

von Ramona Wendt

Im Sommer 1986 entschließt sich die russische Lehrerin Anna Regolskaja dazu, ihre Mutter Maria zu sich nach Nischni Nowgorod zu holen, weil diese nicht mehr so gut alleine zurecht zu kommen scheint. Kurz vor der Abreise eröffnet Maria ihrer Tochter jedoch, dass sie ihr Zuhause auf keinen Fall ohne den großen Esstisch verlassen wird. Seit jeher steht er in ihrem Haus und ist das letzte Andenken an ihre Familie, die sie im zweiten Weltkrieg verloren hat. Anna versucht zunächst, ihre Mutter von diesem Vorhaben abzubringen, den schweren Tisch mit dem Zug transportieren zu wollen. Dann, am Abend vor der Reise, als Maria anfängt zu erzählen, warum der Tisch ihr so wichtig ist, erkennt auch Anna, dass der Esstisch ab sofort zum Reisegepäck gehören muss und dass er mit ihrer eigenen Vergangenheit viel mehr zu tun hat, als sie zu Beginn angenommen hatte. Außerdem erfährt Anna, dass ihre Mutter sich während des zweiten Weltkriegs in den deutschen Offizier Georg verliebte. Eine tragische Liebe, die sehr viel mit dem Esstisch zu tun hat, ohne den Maria ihrem Heimatdorf nicht den Rücken kehren möchte. Die beiden Frauen entschließen sich nach kurzem Überlegen dazu, die Reise zu Fuß und mit Hilfe eines Handwagens anzutreten, womit sie den sperrigen Esstisch transportieren. Der Leser wird auf ein beeindruckendes und vielseitiges Mutter-Tochter-Verhältnis aufmerksam gemacht, das auf viel Liebe und gegenseitigem Respekt fußt, was aber gleichzeitig auch von Missverständnissen und ungeklärten Fragen geprägt war, die nun endlich beantwortet werden. Unterwegs begegnen Anna und Maria vielen fremden, aber sehr gastfreundlichen Menschen, die sie auf ihrer Reise unterstützen und ihnen zum Weiterkommen verhelfen. Der Zweite Weltkrieg ist dabei stets ein Thema, was Mutter und Tochter mit ihren neuen Freunden verbindet. Denn mit diesem Ereignis sind viele tragische und schicksalhafte Geschichten verknüpft, die es wert sind, erzählt zu werden und manchmal sogar lang verschwiegene Geheimnisse lüften.

Der Tisch (2018) ist der Debütroman von Ananij Kokurin, der eigentlich Andrej Krementschouk heißt und bisher hauptsächlich durch seine fotografische Arbeit bekannt geworden ist. Er ist Herausgeber zahlreicher Monografien und erzielte mit seinem ersten Fotobuch No Direction Home großartige internationale Erfolge. Des Weiteren ist der 1973 in Russland geborene Kokurin Dozent für Fotografie in Leipzig, wo er ebenfalls zu Hause ist.

Obwohl Der Tisch sein erstes literarisches Werk ist, wirkt es so, als hätte Kokurin sein Leben lang nichts anderes getan als zu schreiben. Er versteht es, den Leser bereits nach wenigen Seiten komplett zu fesseln und überzeugt sofort mit einer schwermütigen Gelassenheit, die den Leser sofort in seinen Bann zieht. Der Roman erzählt davon, dass das Leben vieler Russen zur Zeit des Zweiten Weltkrieges beeinträchtigt, wenn nicht sogar komplett zerstört wurde. Auch Maria musste viele Verluste hinnehmen, die ihr Leben für immer geprägt haben. Kokurin geht dabei auf die Geschichte einer eigentlich deutsch-russischen Feindschaft ein, die in dem kleinen Dörfchen bei Polozk keine ist, von glücklichen Fügungen, aber auch Ereignissen, bei denen das Schicksal bitterböse zuschlägt. Trotz des ernsten und traurigen geschichtlichen Hintergrunds versteht es der Autor, den Leser auf eine gefühlvolle und rührende Art und Weise bis zum Schluss zu fesseln. Man wird beim Lesen immer wieder schockiert und hat gleichzeitig mehrere Gelegenheiten auch einmal zu schmunzeln. Auf den knapp 200 Seiten und bei den kurzen Kapiteln, in die der Roman gegliedert ist, kommt keine Langeweile auf. Ganz im Gegenteil, man wird dazu verleitet, das Buch in einem Zug durchlesen zu wollen, weil es sehr kurzweilig ist, es immer wieder neue Richtungen einschlägt und man unbedingt wissen möchte, wie es ausgeht. Eine Geschichte, die überrascht, bis zum Schluss.

Der Tisch, Ananij Kokurin, 2018, Osburg Verlag, 197 Seiten, 20,00 Euro

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