Herzschmerz

von Verena Bracher

Herzschmerz, der – (Substantiv, maskulin) seelischer Kummer, vor allem in Liebesdingen

Also dann, wenn die eigene Welt plötzlich so schwer zu ertragen ist. Wenn man aus einer tiefen Verzweiflung heraus endlos weinen könnte, das aber manchmal trotzdem nicht tut. Wenn die Gedanken nur um diese eine Person kreisen oder diesen einen Moment, der all das Unglück heraufbeschwor. Und wenn eigentlich nichts wirklich zu tun ist, als zu hoffen, dass dieser Kummer hoffentlich nicht zu lange anhält.

Es gibt eine ganze Menge Tipps, wie man mit Herzschmerz oder Liebeskummer umgehen sollte. Sie werden uns auf dem Cover von Zeitschriften angepriesen, sie werden uns vorgeführt in den romantischen Filmen, in denen die Protagonist*innen natürlich am Ende der 90 Minuten Filmzeit ihren Schmerz überwunden, oder noch besser, mit Hilfe einer neuen großen Liebe verarbeitet haben. Leider ist es in der Realität meist nicht so einfach. Natürlich, da gibt es diverse Methoden. Verdrängung zum Beispiel. Das Ablenken mit Freund*innen, vielleicht beim Feiern gehen, vielleicht mit der Hilfe von Alkohol und dem Hineinstürzen in ein neues Abenteuer. Oder das vollkommene Hineinbegeben in den Schmerz, Selbstmitleid vom Allerfeinsten, um dann hoffentlich am nächsten Tag mit neuer Zuversicht aufzuwachen. Diese Variante der Katharsis wird gerne mit Massen an Eiscreme und Schokolade, vollgeschnupften Taschentüchern und einer verständnisvollen besten Freundin exerziert.

Es wäre toll, wenn die eigenen Herzschmerz-Momente (oder Tage, oder Wochen, oder sogar Monate) genauso stilvoll vonstattengehen würden, wie sie das in diversen Filmszenen tun. Schließlich hätte es etwas Elegantes, wenn man einfach in eine Bar gehen könnte, beim Barkeeper ein Glas feinsten Whiskey bestellen und diesen in seiner Verzweiflung so lange runterkippen könnte, bis das Leben schon irgendwie eine Wendung nimmt. Aber sind wir mal ehrlich – im echten Leben endet eine solche Aktion in jedem Fall auf ausgesprochen würdelose Weise beim Übergeben auf der Kneipentoilette. Und auch der kunstvoll hervorgerufene Zuckerrausch wird eher nicht dazu führen, dass man am nächsten Tag die Welt mit neuen Augen sieht, sondern sich stattdessen mit einem verstimmten Magen in einer dringendst aufzuräumenden Bude wiederfindet. Vielleicht liegt das auch daran, dass mit filmischem Erzählen meist eine Zeitraffung einher geht. Sie erzählen nicht von den Minuten zwischen den dramatischen Höhepunkten, nämlich von der Traurigkeit unter der Dusche, der Einsamkeit beim Einschlafen und der kurzen Hoffnung, den vermissten Menschen beim Bäcker anzutreffen. Das sind die Momente, die die Zeit des Liebeskummers so endlos lange erscheinen lassen.

Schmerz und Trauer sind sehr individuell. Unsere Mechanismen mit ihnen umzugehen auch. In einer kapitalistischen Gesellschaft werden jedoch zahlreiche Formen von Konsum an einen herangetragen, die den Umgang mit Herzschmerz leichter gestalten sollen . Sie vermitteln die Idee von Glück und einem heilen Herzen, das man sich mit den richtigen Hilfsmitteln schon irgendwie wieder zusammenbasteln kann. Sei es mit der großen Packung Eiscreme, dem richtig traurigen Film oder dem Shoppingtrip, der einem zwar wahrscheinlich nicht wirklich dabei hilft, sich danach begehrter zu fühlen, aber zuverlässig dafür sorgt, dass man alles Angesparte ausgibt. Schließlich sollte man sich in Zeiten von Kummer zumindest selbst etwas Gutes tun, oder? Vielleicht ist das aber auch nur eine kapitalistische Ausbeutung unserer Emotionalität.

Wir alle haben eine lange Liste an Liedern im Kopf, die sich ganz wunderbar mit Herzschmerz und Liebeskummer vereinen lassen und uns fallen sicher auch einige Filme ein, die dabei helfen können, sich diesen Gefühlen hinzugeben. Bei der Frage nach der richtigen Literatur für Momente des Herzschmerzes kommen die Ideen schon etwas zögerlicher. Lesen erfordert eine gewisse Ruhe und eine Konfrontation mit den eigenen Gedanken. Und manchmal passiert gerade das, was wir versuchen zu vermeiden, wenn wir Liebeskummer haben. Wir werden mit unseren Gefühlen alleingelassen, kein flimmerndes Bild lenkt uns ab, kein*e Freund*in sorgt dafür, dass wir über etwas Banales ins Lachen kommen. Dabei können Bücher eine gute emotionale Hilfe sein. Der Prozess des Lesens erfordert ein bewusstes Hineindenken in Situationen und ein daraus resultierendes Herausbegeben aus der Gegenwart. Literarische Figuren können Inspiration und Vorbild sein, das wir auf gewisse Weise mitgestalten. Und eine geschriebene Geschichte ist formbar an unser eigenes Empfinden. Bücher bieten nicht eine laute, einnehmende Form der Ablenkung sondern ermöglichen die bewusste Flucht an einen Ort, dessen Figuren und Geschichten sich so entfalten können, dass sie möglichst nah an unserem Seelenleben dran sind. Literatur kann uns den Raum geben, den wir brauchen, um unseren Liebeskummer zu verarbeiten. Einen Raum der Phantasie, der alle Formen der Progressivität ermöglicht.

Ich fragte meine Mutter nach Literatur zum Thema Herzschmerz. Sie schickte mir ein Photo eines vollen Regalbretts mit Büchern zu Liebeskummer, Ehekrisen und Seelenleben. Meine Mutter ist seit ihrer Jugend mit meinem Vater zusammen, sie hatte nie eine Trennung oder die Erfahrung, sich von der Hoffnung auf eine Zukunft mit einem bestimmten geliebten Menschen verabschieden zu müssen. Und trotzdem kannte sie das Gefühl und suchte sich Bücher, die ihr in schweren Zeiten weiterhalfen. Ich stellte fest, dass Liebeskummer und Herzschmerz deutlich vielfältiger sind als mein Verständnis davon. Ich fragte meine Oma und sie erzählte mir von den Gedichten, die sie immer und immer wieder liest, wenn sie seelischen Kummer empfindet. Meine Oma lebt allein. Es braucht nicht einmal eine andere Person dazu, um Herzschmerz zu haben. Niemanden, der einen verletzt oder verlassen hat.

Ich beschloss weiter nachzufragen. Freunde, Verwandte, junge und alte Menschen, Frauen und Männer. Ich fragte sie was sie lesen, wenn sie Liebeskummer haben und welche Texte ihnen helfen, wenn sie nicht wissen, wie sie sonst mit ihrem Herzschmerz umgehen sollen. Ich schrieb ihre Antworten auf. Es entstand eine bunte Sammlung literarischer Werke, Gedichte, Kinderbücher, Ratgeber und Romane. Meine Oma rezitierte aus dem Kopf aus einem Gedicht von Franz Karl Kinskey:

Glück ist – schaun nach fernen Hügeln, wo noch Abendsonne liegt und das Unerfüllte wartet, still an einen Baum geschmiegt!

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