Schreiben als Befreiung: Satzwende #1 mit Tomasz Jedrowski

Foto: Rike Oehlerking

von Daniel Schmidt

Literatur rettet keine Leben, sie ist kein Mittel gegen existentielle humanitäre Krisen oder kann komplexe politische Entscheidungen treffen. Jedoch kann sie Beraterin sein, eine Freundin, bei der man Rat sucht, oder eine weise, ältere Person, die einem bei unvertrauten, neuen Dingen erklärend zur Seite steht.

Für Tomasz Jedrowski war die Literatur in etwa genau das, der rettende Anker, der ihnvor einem Leben voller Stress, Kopfschmerzen und Depression gerettet hat. Die Literatur, vor allem Werke queerer Ikonen wie James Baldwins Giovannis Zimmer (dtv) und Margarete Stokowskis Essays aus Untenrum frei (Rowohlt) zählen zum persönlichen literarischen Kanon des jungen Autors Jedrowski, der mit Im Wasser sind wir schwerelos (Hoffmann und Campe) seinen Debütroman vorgelegt hat. Im Gespräch mit Esther Willbrandt (Radio Bremen) spricht Jedrowski über die Gründe, warum er erst spät mit dem Schreiben angefangen hat. Er sei nicht der typische Leser gewesen, meint er, und hätte erst auf dem englischen Internat, das er mit 16 Jahren besuchte, angefangen literarisch zu lesen und sich für Literatur zu interessieren. Englisch wurde somit zu seiner ersten richtigen Lese- und auch Schreibsprache, weswegen der Roman des Autors, der in Bremen geboren wurde, auch zuerst auf Englisch publiziert und dann von Brigitte Jakobeit ins Deutsche übersetzt wurde. Die Frage aus dem Publikum, ob er mit der Übersetzerin zusammengearbeitet hätte, verneint er entschieden und sagt, dass für ihn der Text und die Geschichte abgeschlossen seien, wenn er sie beim Verlag abgegeben hat und er damit dann, bis auf die Lesungen daraus, die er absolviert, nichts mehr zu tun haben will. Einer der Gründe dafür sei, dass er jahrelang an seinen Texten arbeite und er dann mit einer gewissen Erleichterung und auch Erschöpfung die Geschichten und seine Figuren verabschiedet.

Die Passagen, die Jedrowski aus seinem Roman vorliest, schildern das Leben queerer polnischer Menschen in den 80er Jahren, eine Zeit, die für homosexuelle Menschen schwierig war und an deren prekärer Lage sich bis heute nicht großartig etwas verändert hat, außer dass es das Internet gibt und Menschen sich nun im Internet verabreden können und sich nicht mehr an geheimen Orten treffen müssen. Vorsichtig müssen sie immer noch sein und Jedrowski berichtet, dass bei seinen Recherchen immer noch viele Männer ein Tuch des Schweigens darüberbreiten und nicht gern aus dieser Zeit erzählen. Jedrowski liest ruhig und bedacht aus seinem Werk und seiner Kolumne aus dem Literaturmagazin zum Thema Liebe. Auf die Fragen der Moderatorin und des Publikums antwortet er sehr überlegt und eloquent, Faktoren, die die Lesung zu etwas Konzentriertem und Unaufgeregtem machen. Das Erfreuliche dabei ist, dass queere Themen in der Literatur genau dadurch ihre Effekthascherei und Plakativität verlieren, etwas, das viele Literaturmenschen sich schon lange wünschen. Es beginnt sich in der manchmal noch steinernen Literaturbranche ein Wandel zu vollziehen, dass Themen marginalisierter Gruppen die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie alle anderen, seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit verhandelten Schwerpunkte. Autor:innen wie Tomasz Jedrowski und engagierten Literaturmenschen ist es zu verdanken, dass diese Bücher eine Bühne bekommen.

Tomasz Jedrowski, Im Wasser sind wir schwerelos, 224 Seiten, 23 Euro, Hoffmann und Campe, 2021

Satzwende ist ein Projekt und Kooperation des virtuellen Literaturhauses, des Literaturkontors Bremen und der Bremer Shakespeare Company und wird gefördert durch den Senator für Kultur und das Art Hotel Ana.

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