Vergangenheit bewegt (Gegenwart)

© privat

Von Maja Friedrich

Die Schuhe meines Vaters – sind das nicht auch irgendwo meine Schuhe?

In seinem neuen Werk berichtet der Autor Andreas Schäfer von seinen Erinnerungen und denen des bereits verstorbenen Vaters an das gemeinsame Familienleben. Nachdem die Familie aufgrund einer plötzlichen Hirnblutung des Vaters über dessen Leben entscheiden muss, setzt sich Schäfer mit Hilfe von Notizen seines Vaters mit der Vergangenheit auseinander. Schnell wird deutlich, worin die instabile Beziehung zwischen den beiden ihren Ursprung haben könnte. Gefühle wie Scham, Trauer und Unverständnis begleiten die Reise in die Vergangenheit.

Sein Vater selbst ist im Jahr 1936 in Berlin geboren. Seine Kindheit ist von Kriegserfahrungen gezeichnet, die seine Familiengeschichte prägen. Um die Gefahren in der damaligen NS-Zeit zu umgehen, wird er im Alter von drei Jahren unfreiwillig zu fast fremden Verwandten in den Süden geschickt. Dort verbringt er einige Jahre, bis er nach Kriegsende zurückgeholt wird. Auch der spätere Verrat seiner Eltern, als er eine griechische Frau heiratet, spiegelt sich in seinem Leben wider. Das harmonische Familienleben von Schäfer selbst wird von ständigen Auseinandersetzungen zwischen seinen Eltern gestört. Er beschreibt die Wutausbrüche des Vaters mit den Worten: „Er fand keine Ruhe, nur Verschnaufpausen“ (Schäfer, 2022: 150). Authentisch wirkende Schilderungen verraten das Unbehagen, welches die Beziehung innerhalb der Familie beherrscht.

Die Ehe der Eltern zerbricht schließlich, doch sein missgestimmtes Verhältnis zu seinem Vater bleibt. Erst zum Ende seiner Lebtage zeigt sein Vater Bemühungen, das Vergangene zu überdenken. Er fängt an, sich für die Sprache und die Kultur seiner Ex-Frau zu interessieren und nimmt sich vor, alle griechischen Inseln zu bereisen. Vor Ort hält er ebenfalls Kontakt zu seinem anderen Sohn, welcher dort seinen Heimatplatz gefunden hat. Die Erfahrungen, welche die Familie gemacht hat, bleiben jedoch in Schäfers Gedächtnis.

Die intensiven Erzählungen und Gefühlseinblicke bieten allen, die jemanden verloren haben, ja, die sogar die Entscheidung treffen mussten, ob ein geliebter Mensch leben oder sterben darf, Identifikationspotential. Auch wenn das Familienleben auf den ersten Blick kaputt erscheint, spiegelt es die bittere Realität vieler wider. Unfreiwillig werden wir von unserem Elternhaus geprägt und mit diesen Erfahrungen sowie Gefühlen in das eigene Leben entlassen. Dass diese Erfahrungen auch schmerzhaft und beeinflussend sind, wird durch die Autobiographie des Autors deutlich. Zu dieser Enthüllung seiner ganz persönlichen Geschichte gehört viel Mut, den Schäfer beweist.

Das Werk ist durchzeichnet von langen und beschreibenden Textpassagen, wodurch die Handlung häufig in den Hintergrund gerät. Leser:innen sollten sich daher keine Spannungsbögen oder dramatischen Einschübe erhoffen. Der Text verliert sich oft in Details, welche weniger prägnant erscheinen, jedoch für Schäfer wichtige Erinnerungen und Teile des Aufarbeitungsprozesses darstellen. Insgesamt hat das Werk hat den Charakter einer reflektierenden Aufarbeitung des Autors, wobei das Ende seine Reise als endgültige Versöhnung zwischen Vater, Sohn und Vergangenheit abrundet: „Die Wärme in der Brust, wenn ich an ihn denke.“ (Schäfer, 2022: 184)

Die Herkunft seiner griechischen Mutter lässt Andreas Schäfer schon in den vorherigen Werken Auf dem Weg nach Messara (2002) und Gesichter (2013) mit einfließen: sei es der Familienurlaub auf einer griechischen Insel oder die Zusammenkunft mit der eigenen Mutter auf der Beerdigung eines Familienmitglieds in Griechenland. Mit dem Wissen aus seiner Autobiographie lassen sich also durchaus Parallelen und das wiederkehrende Motiv der griechischen Seele, so wie es die Süddeutsche Zeitung (2002) schreibt, verfolgen. Leser:innen, die sich auf eine tief emotionale Reise in die Vergangenheit einlassen wollen, können sich über das Werk Die Schuhe meines Vaters (2022) freuen.

Die Schuhe meines Vaters, Andreas Schäfer, 2022 DuMont Verlag, 208 Seiten, 22 Euro.

Maja Friedrich studiert Inklusive Pädagogik, Germanistik und Interdisziplinärer Sachunterricht für das Lehramt an Grundschulen im Master an der Universität Bremen. Besonders begeistert sie sich für Kinder- und Jugendliteratur, die epochale Schlüsselthemen aus intersektionaler Perspektive behandelt. In ihrer Arbeit versucht sie auf diese Themen aufmerksam zu machen und mit Kindern regelmäßig darüber ins Gespräch zu kommen. Neben ihrer schulischen Arbeit ist sie in einer Weinbar tätig, in der sie auch gerne mal die Abende als Gast verbringt.  

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