Keine Filter

© privat

von Charly Friedrich

Null nimmt keine Rücksicht. Es erzählt nicht. Das Buch passiert einfach und wer es aufschlägt, darf zuschauen.
Mit seiner fragmentierten Form zieht der Debütroman von Gine Cornelia Pedersen an einem vorbei und wer blinzelt, hat schon die Hälfte verpasst. Neun Jahre nach der Erstveröffentlichung in Norwegen hat die Übersetzung von Andreas Dornat das kompromisslose Werk auch auf Deutsch zugänglich gemacht.

Die brutal subjektive Erzählperspektive setzt die Leser*innen auf den Beifahrersitz beim Ritt durch ein beginnendes, um sich schlagendes Leben. Sie schauen nicht nur durch die Augen der Protagonistin, sondern hören auch jeden wütenden, verzweifelten Gedanken in ihrem Kopf. So folgt das Buch ihr durch die von Rebellion und Hoffnung zerfressene Jugend in ein Erwachsenwerden, das nur noch konfuser und drängender nach den eigenen Konturen sucht. Festgehalten ist das Ganze in kurzen, gebrochenen Zeilen ohne Punkte. Die dichten 192 Seiten werden zu einem Countdown und mit jedem Kapitel spürt man den Druck der Protagonistin mehr. Wer anfängt, aus den rar gesäten Hinweisen eine kohärente Handlung oder ein Krankheitsbild zusammenbauen zu wollen, ist bald völlig verloren in der Aneinanderreihung von Emotionen. Als die Protagonistin in die Psychiatrie gespült und medikamentiert wird, setzt das den Fluss ihrer Gedanken auf Null. Jedes der 10 Kapitel davor und danach ertrinkt in ihrer Subjektivität.

„Ich absorbiere alles/Ich habe keine Filter“ steht auf der ersten Seite und im Rückblick liest es sich wie eine Warnung. Wer sich auf diesen Ritt einlassen möchte, wird auf den chaotischen Seiten auch auf die eigenen Fragen nach Identität, Jugend und Normalität zurückgeworfen. Das kann tröstlich oder aufwühlend sein – auf jeden Fall liest es sich in einem Zug weg und macht neugierig auf Pedersens Folgeromane, die noch auf ihre Übersetzung warten.

Pedersen, Gine Cornelia: Null. luftschacht, Berlin: 2021. 20 Euro.

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