Antworten gibt es bei uns nicht

Foto: privat

von Anna Schott

Luise ist die Lieblingsenkeltochter. Gemeinsam mit ihrer großen Schwester und ihrer wunderschönen Mutter wächst sie auf dem prunkvollen Anwesen ihrer superreichen Großmutter auf, wo außerdem noch vier weitere Frauen Platz finden: die Mutter der Mutter, die Tochter der Großmutter, deren Tochter und eine Haushälterin. Die Großmutter ist eine edle Frau, sie umgibt sich mit den feinsten Rosen, dem wertvollsten Schmuck, den deliziösesten Speisen und den allerfeinsten Damen. In ihrer Welt ist kein Platz für Ungehorsam, Gefühlsduselei und: Männer.

In 44 kurzen Kapiteln füttert der Roman die Leser*innen häppchenweise mit Eindrücken von dieser verschachtelten Familiengeschichte aus Luises Perspektive. Dies geschieht auf zwei zeitlichen Ebenen: Im Heute ist Luise um die Dreißig, Goldschmiedin und Alleinerbin des gesamten Familienvermögens. Im Früher ist sie ungefähr zehn, findet zwei tote Frauen am hauseigenen See – und damit auch erste Familiengeheimnisse, die sie so schnell nicht wieder loslassen werden. Durch zahlreiche Sprünge zwischen den Zeitebenen setzt sich langsam ein Bild dieser Familie zusammen, es werden immer wieder (weibliche) Charaktere eingeführt, die Mitglieder der Familie sind und die alle etwas irgendwie liebenswürdiges mitbringen, ohne jemals einen wirklich sympathischen Eindruck zu hinterlassen.

Auffällig ist die Leerstelle, die gelassen wird: die Männer der Familie kommen allenfalls in Erzählungen (und im Titel) vor. Der Großvater lebt nicht auf dem Anwesen, sondern in der nächstgelegenen Stadt, er stirbt früh. Luises Vater wird ebenfalls nur in seiner Abwesenheit verhandelt. Die Männer kommen in dieser Geschichte nicht zu Wort, und die Erzählerin macht deutlich, dass auch das große Vermögen von der weiblichen Seite der Familie stammt. Und doch sind sie omnipräsent, Männer generell, sind sie doch möglicher Grund für die Tode der Frauen, Grund für den erzwungenen Weggang der Schwester, für entzweite Mutter-Tochter- und Schwestern-Beziehungen, für grundsätzlich viel von dem Unglück, das der Familie widerfährt.

Die knappen Kapitel schneiden diese Unglücksmomente stets nur an, und wenn sich eine Frage, die sich vorher aufgetan hatte, klärt, wird sogleich eine neue aufgeworfen. Als Leser*in wird man viel im Unklaren gelassen, was über lange Strecken des Romans das Interesse und die Spannung schürt — einen jedoch sehr unbefriedigt zurücklässt.

So beschleicht einen am Ende der Lektüre nämlich das Gefühl, mit zu vielen losen Enden dazustehen und sich in dem Wirrwarr der beschriebenen Familiengeschichte verknotet zu haben. Der Roman klingt feministisch an und macht relevante und große Themen wie die Todesfälle, sexuellen Übergriff oder die Verstrickung der Familie in NS-Verbrechen auf, bleibt jedoch immer bei der Andeutung. Dadurch, dass die Fäden jedoch nie miteinander verwoben werden, bleibt der Text hohl, ohne Aussage, und damit maximal eine durchaus unterhaltsame Darstellung einer gut betuchten, vielzerstrittenen, geheimnistuerischen Familie.

Annika Reich, Männer sterben bei uns nicht, 2023, Hanser Berlin, 208 Seiten, 23,00 Euro.

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