
von Robin Bertram
Russland. Habe ich nie besucht.
Russisch. Spreche ich nicht.
Ein paar Wörter kenne ich. DA. BABUSCHKA. NASDROWJE. Die sprachlichen Klischees eben.
Wovon ich schon mal gehört habe: der TRANSSIBIRISCHEN EISENBAHN, SIBIRIEN, dem weißen SCHNEE Russlands. Die geographischen Klischees eben.
Was ich schon mal gesehen habe, meist im Fernsehen: WODKA, MOSKAU, MÜTTERCHEN RUßLAND. Die kulturellen Klischees eben.
Wer sich schon mal gefragt hat, was hinter alledem steckt, könnte im Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis nachschlagen. In kurzen, simplen Sätze stellt er Aspekte des russischen Lebens vor, nimmt sie auf die Schippe, widerlegt sie in sich selbst oder verweist auf eine tieferliegende Problem, eine Tristesse (TOSKA), die allerdings nie ausformuliert wird. Sie schwingt mit, fliegt teilweise über die Köpfe hinweg.
Wer ein Handwörterbuch in die Hand nimmt, um Wörter nachzuschlagen, möchte meinen, dass es am Anfang ansetzt – am Wort also. Ein Beispiel: PERESTROJKA. Perestrojka meint den Umbau des kommunistischen Russlands unter Gorbatschow in den Bereichen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in den 80er Jahren. Das schreibt Estis aber nicht, sondern „[m]it der Perestrojka ist alles klar. […] Aber nach und nach wurde auch der Rest immer weniger klar, bis schließlich alles völlig unklar war mit der Perestrojka“. Was er damit wiederum meint, ist der Zerfall der Sowjetunion und einhergehendes Chaos, losgetreten durch die Reformbemühungen. Klar war mir das nicht. Das musste ich in einem anderen Wörterbuch nachschlagen. Das mag zunächst irritieren, doch sobald verstanden wurde, dass das Handwörterbuch kein Nachschlagewerk ist, sondern sich lediglich dieser Form bedient, um die Begriffe satirisch aufzuziehen und somit auch die Form des Wörterbuch selbst zu veräppeln, ist alles klar. Klare Antworten gibt es nicht. An der letzten Seite angekommen, hat mir der Autor mehr Fragen mitgegeben, als ich vorher hatte.
Die Kurzweiligkeit des Buches hängt nicht nur mit dem unaufgeregten, gar umgangssprachlichen Schreibstil zusammen, der durch gezielte Wiederholungen einzelner Wörter die ihnen inne liegende Komik und Absurdität hervorholt, sondern auch mit der Form. Estis springt mit jedem Absatz zu einem neuen Thema, etwa vom rollenden RUBEL zum RUSSISCH BROT, aber nicht das deutsche, denn das bestehe aus Buchstaben und zumal den falschen. Dass das Buch nur schmale siebzig Seiten stark ist, macht es zwar durchaus handlich und wird in diesem Sinne dem eigenen Titel gerecht, dennoch hätte ich mir mehr gewünscht. Mehr Seiten, mehr Wörter, mehr Fragen.
Mehr zu lesen gibt es im Wörterbuch des Widerstands, einer Kolumne im Magazin des Tagesanzeigers, die der Autor nutzt, um russische und ukrainische Neologismen und sarkastische Wortspielereien zu erklären.
Alexander Estis, Handwörterbuch der russischen Seele, 2021, parasitenpresse, 72 Seiten, 12 €