
von Paul Eggs
Der französische Schriftsteller Azouz Begag gab am 30. April 2026 in der Weserburg eine Lesung
seines Romans Né pour partir, der die Geschichte seines Co-Autors Mamadou Sow als
unbegleiteter Fünfzehnjähriger von Guinea nach Frankreich erzählt. Nachdem wir diesen im
Seminar besprochen sowie gelesen hatten, bot die Lesung die Chance, dem Verfasser des Werks
selbst zu begegnen und Näheres zur Entstehungsgeschichte und seiner Person zu erfahren.
Schon der Beginn war ein Bruch mit meinen persönlichen Erwartungen. Begag zitierte einen
griechischen Satz, der in der Halle des Museums prangte. Die anfängliche Verwirrung nutzte er für
sich und transformierte sie in eine konzentrierte Neugier des Publikums. Da die Veranstaltung
exklusiv für Lernende der französischen Sprache konzipiert war, bewies Begag
Fingerspitzengefühl. Er sprach ein klares, verständliches Französisch, das er mit deutschen und
englischen Vokabeln mischte. Dieser humorvolle Sprachmix lockerte die Atmosphäre spürbar auf
und machte die Ernsthaftigkeit des Themas greifbarer, ohne sie zu entwerten.
Besonders faszinierend war sein Verständnis von Literatur als „un engagement physique“. Begag
las nicht nur, er performte. Mit Gesten und großer Leidenschaft erweckte er die Geschichte von
Mamadou Sow bzw. Kali, wie er im Buch genannt wird, zum Leben. Man spürte förmlich seinen
Drang, das Publikum zu entertainen und sich durch den Dialog zu bereichern: „Je veux m’enrichir
avec les autres.“
Ein Schlüsselmoment des Abends war die Enthüllung über den Inhalt des Romans. Begag erklärte,
dass die Odyssee des jungen Mamadou auch Anteile seiner eigenen Biografie enthält. Die fast
surreale Episode, in der ein dressierter Affe den Reisepass stiehlt, entpuppte sich als Azouz Begags
eigene Erfahrung. Wie er selbst erklärte, ging es ihm bei Né pour partir jedoch nicht darum, seine
eigene Migrationsbiografie auf die Reise des guineischen Protagonisten zu projizieren. Obwohl
Begag sich aufgrund seiner Herkunft selbst als „Repräsentant der Armen“ zählt, wollte er hier
jedoch kein persönliches Porträt schaffen, sondern jenen eine Stimme verleihen, die sonst nicht
gehört werden.
Trotz der mitreißenden Art des Autors blieb ein bitterer Nachgeschmack hinsichtlich der politischen
Realität. Ich war überrascht, wie steinig Mamadous Weg zur rechtlichen Anerkennung in Frankreich
blieb, selbst nachdem sein Schicksal durch den Erfolg des Buches an Bekanntheit erlangt hatte. Die
Anekdote, Mamadou für eine Lesung fast im Kofferraum in die Schweiz schmuggeln zu müssen,
war ein Beleg für die bürokratische Realität, der sich Geflüchtete in Europa stellen müssen.
Mich hat im Vorfeld vor allem der Entstehungsprozess des Romans interessiert. Begag hat
Mamadou in einem Schreibworkshop kennengelernt und in diesem Zuge den Roman verfasst.
Leider erfuhr ich dazu trotz expliziter Nachfrage kaum Neues. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass
der Autor hier bewusst vage blieb, um einer müßigen Diskussion über den exakten Wahrheitsgehalt
der Geschichte entgegenzuwirken.
Die vorgetragenen Textstellen wirkten zwar etwas willkürlich ausgewählt, wurden von Begag
jedoch gekonnt inszeniert. Letztlich bewies er eindrucksvoll, dass Literatur weit mehr sein kann als
bloßer Text auf Papier: eine lebendige Form des Aktivismus.