
Von Jakub Wentzin
„Worauf wartest du noch? Streck die Beine aus, leg ruhig die Füße auf ein Kissen, auf die Sofalehne“. Diese Aufforderung richtet der Erzähler an den Leser des Romans Wenn ein Reisender in einer Winternacht, sobald dieser das Buch aufgeschlagen und zu lesen begonnen hat. Doch ist dieser Text nicht nur wegen seiner absonderlichen, metaleptischen Erzählsituation lesenswert, sondern auch, weil er eine Geschichte mit vielen möglichen Anfängen erzählt.
Ein verwandtes Anfangsszenario beschreibt der neue Roman von Katerina Poladjan. Auch hier liegt die Hauptfigur, der ehemals erfolgreiche Filmregisseur Eli Fontana, auf der Couch und ist bemüht, die vielen Geschichten seiner Familienangehörigen zu einer einzigen Geschichte zusammenzuführen. Ähnlich wie Calvino spielt auch Poladjan mit verschiedenen Anfängen, die Hauptfigur Eli scheitert nur immer wieder an der Frage, wie sich diese sinnvoll zu Ende zu erzählen lassen. Einen möglichen Anfang der Familienchronik hat der sechzigjährige Eli bereits vor zehn Jahren zu einem zumindest bei der Kritik erfolgreichen Film verarbeitet, mit dem auch Poladjans Roman Goldstrand einsetzt:
Ein Vater begibt sich 1922 mit seinen beiden Kindern, der Tochter Vera und dem Sohn Felix, in der heute wieder umkämpften ukrainischen Hafenstadt Odessa auf einen Passagierdampfer, er flieht als Philosophieprofessor vor der bolschewistischen Revolution. Als der Dampfer in den Zielhafen von Konstantinopel einläuft, ist die Tochter Vera unauffindbar. Seinen Film lässt Eli bereits früher enden, mit Veras Sprung in das kalte Wasser des Schwarzen Meeres. Warum sie springt, bleibt offen, bleibt der Vorstellungskraft des Zuschauers überlassen. Doch auch, dass sie springt, ist nur eine Möglichkeit, eine Vermutung, die dem Regisseuren Eli als ein Filmende gefällt.
Dieser Film, der auch der erste Teil einer verfilmten Familienbiographie hätte sein können, bleibt ohne Fortsetzung. Doch dass die Geschichte den mittlerweile pensionierten Italiener Eli nicht losgelassen hat, zeigt sich auf dem Sofa einer psychotherapeutischen Praxis mitten in Rom. Dorthin begibt sich Eli wöchentlich und erzählt seine unverfilmt gebliebene Familiengeschichte weiter, als läge in diesem Erzählen der Schlüssel zu seiner erfolgreichen Therapierung. Warum sich Eli im späten Alter mit einem beinahe manischen Eifer mit seiner Familie auseinanderzusetzen beginnt, lässt sich nur ahnen, doch sicherlich hat es etwas mit unserer unmittelbaren Gegenwart und viel mit Veras Bruder Felix zu tun, der, wie im Erzählverlauf klar wird, Elis leiblicher Vater ist.
Die Therapiesitzungen gliedern den schmalen Band in sieben Kapitel, in denen man den Patienten Eli zwar besser kennenlernt, er einem allerdings nicht sympathisch wird. Melancholisch – ein Windhauch kann ihn zu Tränen rühren – blickt Eli auf ein neben beruflichen Erfolgen ziemlich verkorkstes Leben zurück. Die italienische Filmgeschichte interessiert ihn sehr, die Geburtstagswünsche seiner Tochter und die Familie seiner Frau tun es überhaupt nicht. Dass man diesem durchaus mittelmäßigen Charakter trotzdem gerne weiter zuhört, liegt an seiner Fähigkeit, eine gute Geschichte zu erzählen.
Gemeint ist hier selbstverständlich die Schriftstellerin Katerina Poladjan, die das doppelte Kunststück vollbringt, eine Erzählfigur zu erschaffen, der man unbedingt folgen möchte, wenngleich man sie nicht besonders gut leiden kann. Doch worin liegt das Geheimnis dieses Geschichtenerzählers Eli Fontana?
Eine Vermutung macht dieser selbst: Dass es auf die Gedanken und Bilder ankommt, die der Erzähler im Kopf desjenigen entstehen lässt, der seiner Geschichte folgt. Wer Katerina Poladjans Erzählen folgt, kann zu der Erkenntnis gelangen, dass die Berufe des Filmemachers und der Schriftstellerin gar nicht weit auseinanderliegen, lassen beide doch durch eine bewusste Anordnung von Bildern gute Geschichten entstehen. Eli zeigt sich, ganz wie seine Schöpferin, als ein an der Film- und Literaturgeschichte geschulter Monteur, der es versteht, den Erzählstoff so zusammenzufügen, dass sich der Zuhörer darauf etwas einbilden kann. Doch die gezielte „Bearbeitung des Publikums“, wie der russische Regisseur Sergei Eisenstein ein solches Montageverfahren nannte, ist nur eine von mehreren Stärken dieser Erzählung.
Poladjan gelingt es, die politischen Krisen und ideologischen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts anzudeuten, ohne ihren Roman damit zu überladen und ohne den Blick für die Details und Eigenheiten eines einzelnen Lebens zu verlieren, in dessen Biographie ein Stück europäische Geschichte aufgehoben zu sein scheint.
Hinter Elis Bemühungen, aus vielen Anfängen und Erzählfragmenten eine stringente Geschichte zu machen, verbirgt sich die grundlegendere Frage, ob sich seine Biographie, die weit über das eigene Leben hinaus bis zum Anfang des 20. Jahrhundert reicht, überhaupt als eine klassische, geschlossene Geschichte erzählen lässt. Ob Geschichten überhaupt zu Ende erzählt werden müssen, fragt sich Elis kluge Tochter Vera. Ihre Geschichte erzählt Poladjan anhand einzelner Orte, Bauwerke, Menschen und anhand der Ideen, die mit ihnen verbunden waren und sind. In einer Sommernacht wird Eli gezeugt, am titelgebenden Goldstrand. Er ist einer der Orte, die in diesem Roman als Knotenpunkte funktionieren und nicht nur über Eli, sondern auch über die jüngste Geschichte des europäischen Kontinents Auskunft geben können.
Der geübte Leser in Calvinos Winternacht findet ausgeklügelte Strategien, um sich inmitten der hohen Menge an Neuerscheinungen für die richtige zu entscheiden. Wer zu Poladjans neuem Roman greift, entscheidet sich für einen klug gebauten und dichten Text, der Bezug auf viele weitere (Film-)Texte nimmt, unter anderen auf die Italo Calvinos.
Poladjan, Katharina, Goldstrand, 2025, S. Fischer Verlag, 160 Seiten, 22,00 Euro