Erinnern und Weitermachen

„Viva Alemania!, hätte ich skandieren können, aber dann würden meine linken Freunde in Köln kein gutes Haar an mir lassen.“ Doğan Akhanli erweist sich an dieser wie auch so vielen weiteren Stellen seiner Reflexionsschrift als kluger Kopf in einer immer stärker polarisierenden Welt, in die er als politisch Verfolgter (wieder einmal) hineingeworfen wurde – und aus der er noch engagierter hervorgeht.

Rezension von Clemens Wiem

Doğan Akhanli, geboren 1957 in der Türkei, hat ein grundehrliches Buch geschrieben: Die titelgebende Frage Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur? wirkt dabei leitmotivisch; Akhanli verwebt die ihm immer wiederkehrenden Grauen der türkischen Justiz aus vergangenen Jahren mit der Gegenwart eines Spanienurlaubs. Historische Rückblicke auch auf das Franco-Regime wagend, wird man das Gefühl nicht los, Akhanlis Erinnerungen aus den Haftjahren zu spüren, weil er sie immer wieder in das Jetzt zu holen vermag. Diese Grausamkeiten werden durch erheiternde Anekdoten gebrochen, wobei sich ein ums andere Mal die Frage stellt, ob Akhanli hier nicht doch Geschichten erzählt und also den Witz erfinden muss, weil es seiner Absicht entspricht, die Erinnerungen in dieser Form festzuhalten. Hierdurch gewinnt das Buch seine wunderbare Stimmung: Trauer und Schmerz werden durch Humor zu lindern versucht.

So leuchtet ein, dass Akhanli auch im Jahr 2010, jenem Jahr, in dem er seinen Vater besuchen will und nach einer Ewigkeit in die Türkei zurückkehrt, zu einem Justizbeamten, dem „Drehbuchschreiber“, der ihn just verhaftet hatte, eine ungewöhnliche Nähe („Schriftstellersolidarität“) aufbaut – komischerweise eine der witzigsten Stellen des Buches. Und dennoch: das Engagement, mit dem Akhanli seine essayistische Erzählung vorantreibt, fußt auf einem bitterbösen Ernst, den Akhanli 1975, 1985-1987 und ab August 2010 als Gefangener des türkischen Justizapparats erdulden musste. Dort, wo die Wahrheit über seine Erinnerungen ihn zu erdrücken scheint, bedient sich Akhanli solcher zeittypischer Erinnerungsfetzen, die ihm aus anderen Büchern (z.B. Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt oder Edea u.a.)  oder Filmen (No Country For Old Men) im Gedächtnis geblieben sind.

Die Überfahrt nach Madrid verdeutlicht die Gedankenflut Akhanlis, der in diesen Stunden auch die dunkle Geschichte Spaniens verarbeitet, ebenso der zweite Gefängnisaufenthalt 2010 in „Sibirien“, der ihn an die politischen Bewegungen in Trabzon 1980 erinnern lässt und seine Leser*innen auf diese Weise fesselt. Allerdings birgt die Geschichtsreflexion einige nicht unproblematische Thesen, wenn die „totale Zerstörung“ als das „Beste, was Deutschland hatte zustoßen können“ beschrieben wird oder die „Barbarei (Adorno)“, nach Auschwitz „weiterhin Gedichte zu schreiben“, letztlich doch „der einzige Weg [sei], die Existenz von Auschwitz zu ertragen und sich zur Wehr zu setzen“. Hieran wird deutlich, was die Schwäche des Buches ausmacht: Akhanli will die starken Bruchstücke der europäischen Geschichte allesamt mitverarbeiten und mit seinen Erfahrungen verbinden – das geht vor allem zu Lasten einer genaueren Geschichtsaufarbeitung, wenngleich sehr wohl deutlich wird, was Akhanli aufzeigen möchte: „Deutschland als transnationaler Gedächtnisraum“! Wo es geboten ist, lässt Akhanli aber auch seine Mitmenschen sprechen und fügt ihre Aufzeichnungen und Erinnerungen, etwa jene Sennur Baybuğas, seiner Anwältin aus dem Jahr 2010, in die Erzählung ein, wodurch das Buch eine kluge Mehrstimmigkeit erhält. Diese Form ist Zeugnis davon, was Akhanlis Buch trotzdem zu sein vermag: ein transnationaler Gedächtnis- und Erinnerungsspeicher eines schweren europäischen Erbes, das heute und auch in Zukunft immer wieder neu diskutiert werden muss!

Verhaftung in Granada oder Treibt die Türkei in die Diktatur?, Doğan Akhanli, 2018, KiWi Verlag, 9,99 Euro

 

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