Mit dem Siebenstriemer durch die Geschichte geprügelt

Foto: Suhrkamp

Schwul sein in der DDR. Im Rücken die Eltern, die Stasi und die eigene Verwirrnis. Es ist eine dichte Coming-of-Age-Geschichte, die Christoph Hein vorlegt.

Rezension von Felix Krause

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in der ostdeutschen Provinz. Und bis kurz nach der Wende wird sie reichen, diese Chronik über Friedeward Ringeling. Ihn begleitet man als Leser*in durch sein bewegtes Leben. Liest, wie er vom Vater, einem erzkonservativen Katholik und erklärtem Monarchisten, auch mit Prügelstrafen und dem eigens dafür vorgesehenen „Siebenstriemer“, erzogen wird. Wie Wolfgang in Friedewards Klasse kommt. Wie sie enge Freunde und schließlich ein Liebespaar werden. Geheim natürlich, denn der Siebenstriemer straft jede „Sünde“ und Homosexualität ist gesetzlich (noch) verboten. Zwischen den beiden jungen Männern, „Wölfchen und Friedl“, entwickelt sich eine leidenschaftliche und zugleich hoch intellektuelle Beziehung. Sie lesen Thomas Mann und Robert Musil, zelebrieren die eigene Emanzipation von Gott, Staat und den Eltern.

Die Geschichte als Kontext, nicht als Thema

Mit dem Älterwerden des Protagonisten verändert sich auch die Welt um ihn. Geschichtliche Ereignisse finden statt oder werden zumindest angedeutet. Wir lesen, wie unbeliebt die „Rotlichtbestrahlung“, also die ideologischen Lehrveranstaltungen an der Universität, sind. Wie der inzwischen Germanist Friedeward eine Scheinehe mit einer Freundin eingeht, damit Familie, Staat und seine Universität keinen Verdacht schöpfen. Und wie ihn die endgültige Trennung von Wolfgang, der in den Westen geflohen ist, mehr berührt als der Mauerbau an sich. Denn Verwirrnis ist eine äußerst intime Geschichte und keine Geschichtslehrstunde. Dafür ist auch die unaufgeregte Erzählinstanz verantwortlich. Friedewards Sorgen und Ängste werden nicht überspitzt, sondern einfach nur abgebildet. Und so erhalten wir ein authentisches Bild zur Lebenssituation eines nicht besonders politischen Intellektuellen in der DDR. Eines Menschen, zu dessen Alltag es gehört, in einer Lüge, einem „Theaterstück“ zu leben, nämlich: seine Homosexualität geheim zu halten.

Hein erhält für seinen Roman mit Sicherheit keinen Preis für Wortakrobatik und komplexe Textkomposition. Dafür ist der Stil etwas zu dröge, man möchte fast sagen: langweilig. In Verwirrnis passt das aber genau richtig, wenn berichtartig Ereignisse aneinandergereiht werden. Der Stil ordnet sich der Geschichte angemessen unter. Und so erscheinen die mitunter tieftraurigen Episoden in Friedewards Leben umso grausamer. Etwa als Wolfgang sich überraschend und kaum motiviert von Friedeward trennt oder als der Tod seines Bruders zum rein bürokratischen Akt verkommt.

Verwirrnis ist eine detaillierte Charakterstudie über Friedeward Ringeling. Wir lernen ihn glaubhaft kennen, fühlen und leiden mit ihm. Wir sehen seine Charakterentwicklung, eine glaubhafte Entwicklung, vom eingeschüchterten Streber zum gefragten und anerkannten Wissenschaftler. Sehen einen Mann, der sein Leben lang mit sich hadern muss. Der sich schuldig fühlt. Der sich schämt. Einen Menschen voller Verwirrnis. Und das berührt ungemein.

Verwirrnis, Christoph Hein, 2018, Suhrkamp, 303 Seiten, 22,00 €.

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