„Ich lade euch ein -„

Gastfreundschaft – ein Wort, das sich auf die zuvorkommende und freundliche Beherbergung eines Gastes bezieht. Priya Basil hat sich in ihrem gleichnamigen Essay damit beschäftigt, was Gastfreundschaft in den verschiedenen Kulturen und Ländern bedeutet, die ein Teil von ihr sind. Dabei bezieht sie sich nicht nur auf Einladungen zum Essen, sondern widmet sich vor allem auch der Frage, wie gastfreundlich Europa eigentlich ist. Ein Buch, das Appetit macht auf mehr.

von Ramona Wendt

Daran, wie wir für andere kochen und mit ihnen essen, lässt sich Großzügigkeit auf greifbare und alltägliche Weise bemessen. Was und wie viel angeboten, wie es aufgetragen wird und für wen – all diese Dinge definieren Gastfreundschaft, bei Tisch und darüber hinaus.

Priya Basil wurde in London geboren und wuchs in Kenia auf. Die Autorin mit indischen Wurzeln zog es vor einiger Zeit der Liebe wegen nach Berlin und sie sagt, dass nicht jeder in einem neuen Land so herzlich empfangen wird wie sie in ihrer Vergangenheit. Ich lade euch ein-, ein Satz der nicht ganz vollständig ist und die Frage nach einem ‚Wie lange‘, ‚Mit wem‘ und ‚Wie‘ nicht beantwortet. Im Sommer 2015 kam eine Vielzahl an Geflüchteten nach Europa und Angela Merkel warb mit einem gastfreundlichen Deutschland und offenen Grenzen. Die Frage, die sich die Autorin unter anderem in ihrem Essay immer wieder stellt, ist, für wen und inwiefern diese Grenzen geöffnet sind und ob Europa eigentlich ein guter Gastgeber ist.

Neben kritischen Themen lässt Priya Basil den Leser aber vor allem auch an ihrem Leben in verschiedenen Kulturen teilhaben. Sie nimmt einen mit auf eine kulinarische Reise zu ihren indisch-kenianischen Wurzeln und beschreibt, wie großzügig und vielfältig in ihrer Familie gekocht und gespeist wurde. Dabei schreibt sie über die Kraft des Essens und bringt den Leser das eine oder andere Mal zum Schmunzeln, wenn sie zum Beispiel davon erzählt, wie ihre Großmutter es verstand, die Menschen mit ihrem guten Essen zusammenzubringen, aber auch so zu lenken, wie sie es gern gehabt hätte. Wenn sie von den reichhaltigen, bunten und geschmacklich vielfältigen Speisen erzählt, die in ihrer Familie zubereitet werden, läuft einem als Leser schon einmal das Wasser im Munde zusammen und man fühlt sich, als würde man mit Priya Basils indischer Familie gemeinsam am Tisch sitzen und über Gott und die Welt reden.

Auch wenn Priya Basil es liebt, Gäste zu bewirten, gibt sie zu, dass es für sie nicht immer leicht war, sich gastfreundlich zu verhalten. Bis heute kann sie, als große Freundin guten Essens, nur schwer aus Wohlwollen gegenüber anderen Personen auf eine Köstlichkeit verzichten. Außerdem gesteht sie, dass ihr die liegengebliebenen Reste und Speichelspuren am Geschirr ihrer Gäste auch manchmal unangenehm sind. Vor allem diese kleinen sympathisch-ehrlichen Geständnisse sind die große Stärke des Buchs: Priya Basil schafft es, ihre intimen Gedanken mit politischen Fakten und Ansichten berühmter DenkerInnen zu verknüpfen und bietet daher eine unterhaltsame sowie ernsthafte Annäherung an das vielfältige Thema der Gastfreundschaft.

Die Autorin veröffentlichte bereits zwei Romane, eine Novelle sowie eine große Anzahl an Essays für verschiedene namhafte Zeitungen. Darüber hinaus ist die politisch engagierte Literatin unter anderem Mitbegründerin der Initiative Authors for Peace, welche SchriftstellerInnen zusammenbringt und versucht, etwas zum Frieden auf der Welt beizutragen. Sie setzt sich darüber hinaus für zahlreiche andere Projekte ein und unterstützt die Integration von Flüchtlingen sowie die Idee der Einführung eines europäischen Feiertags.

Wer sich dem Thema Gastfreundschaft auf humorvolle Weise nähern möchte, ohne dabei den Blick auf aktuelle Geschehnisse und ernste Themen zu verlieren, dem sei dieses kleine Büchlein ans Herz gelegt. Der Essay lädt den Leser zwischendurch immer wieder zum Lächeln ein, vergisst dabei aber nie die dringenden und zugleich ernsten Themen unserer Zeit. Es handelt sich hierbei um ein leidenschaftlich und lebhaft geschriebenes Büchlein, das gleichermaßen politisch, philosophisch und persönlich ist und nebenbei die Frage zu beantworten versucht, ob es bedingungslose Gastfreundschaft wirklich gibt.

Gastfreundschaft, Priya Basil, 2019, Insel Verlag, 134 Seiten, 14,00 Euro

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