Irgendwo zwischen Träumen und Wahrheiten

Foto: Privat

Obwohl es scheinbar nur um Lindas „kleine Großmutter“ geht, geht es eigentlich um doch soviel mehr: Um die Liebe zur Familie, das Englische Kino, die große Liebe, das einfache Leben und die Erinnerung. Tanja Langer erzählt die Geschichte einer Oma, welche die Protagonistin Linda liebend gerne kennengelernt hätte. Während diese durch Lüneburg schlendert, erwacht die Geschichte ihrer Großmutter zum Leben und mit ihr die Stadt Lüneburg, in welcher sie lange Zeit gelebt hat.

Rezension von Sarah Luisa Ostermann

Der Buchtitel reflektiert dabei das Buch auf perfekte Weise. Denn genauso wie beim Titel muss man sich auch beim Lesen erst einmal in das Buch reinfinden. Gedankenstränge der Protagonistin, ihre Träume und ihre große Fantasiewelt, sowie zeitliche Sprünge von der Ich-Erzählung von Linda, wie sie durch Lüneburg schlendert, hin zu der Erzählung der Oma Ida, sind ineinander verwoben. Dabei spielt die Erinnerung der Protagonistin Linda oft Streiche und die Frage, was ist wahr und was ist ausgedacht, spielt fortgehend eine große Rolle in dem Roman.

Zu Beginn fällt es daher noch schwer sich zwischen den gedanklichen Sprüngen der Protagonistin in die Geschichte einzufinden und beim Lesen einen roten Faden zu bekommen. Ist man jedoch erstmal eingetaucht, wird man reichlich belohnt: Mit einem Gespür für die Zeit und die Geschichte der Großmutter Ida, die einem immer mehr ans Herz wächst.

Ida, die ein einfaches Leben führt, erlebt durch den geschichtlichen Hintergrund – zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, die britische Besatzung und die Aufteilung Deutschlands – einige Strapazen, lässt sich jedoch nie unterkriegen. Dabei hilft ihr fortgehend ihre Leidenschaft zum Kino, die Liebe zu ihren Kindern und ihr hohes Durchhaltevermögen, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.  

Nachdem man etwas Zeit braucht, um sich in den Roman einzulesen, ist man dafür nachher umso gefesselter. Der Roman erzählt, wie auch viele englische Kinofilme des 20. Jahrhunderts, vom einfachen Leben. Der Satz „Und darum geht es letztlich auch im Kintopp, oder nicht? Dass wir die kleinen Dramen, die sich im Leben natürlich immer groß anfühlen, obwohl sie gar nicht so groß sind, wie unter dem Vergrößerungsglas sehen“ (S.352) passt darum auch perfekt zu dem Roman selbst. Das englische Kino spielt in dem gesamten Roman eine bedeutende Rolle und während der Beschreibungen der Filme zur Zeit des 20. Jahrhunderts, entwickeln auch die Leser*innen ein Gespür für die Zeit und das Kino.

Die Verknüpfung der Geschichte der Großmutter und ihrer Kindern mit ihrer Enkeltochter Linda, welche die Geschichte erzählt, sowie den vielen Beschreibungen zum zeitlichen Hintergrund, spiegelt ein allumfassendes Bild des 20. Jahrhundert wider. Wichtige geschichtliche Ereignisse finden auch in dem Roman einen großen Platz und werden genau genau geschildert. Nebenbei werden wichtige Zitate, Philosoph*innen, bedeutende Filme und Dichter*innen genannt, welche beim Lesen so neugierig machen, dass man Lust bekommt sich danach noch mehr damit auseinanderzusetzen.

  • Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder Die Erfindung der Erinnerung, Tanja Langer, 2019, mitteldeutscher Verlag, 410 Seiten, 18,00 Euro.

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