Ich mache mir Sorgen

Foto: Verbrecher Verlag

Ich bin nicht Özlem und meine Eltern kommen nicht aus der Türkei, das sollte der Leser wissen. Ich bin männlichen Geschlechts und habe ernsthafte Sorgen nach der Lektüre dieses Werkes bekommen. Die Figur der Özlem, die stellvertretend für eine junge Frau türkischer Abstammung steht, die in Deutschland aufgewachsen ist, erzählt uns von ihren Sorgen und Problemen. Es ist ein schnell zu lesender Überblick über die ersten Lebensjahrzehnte des Mädchens. 

Rezension von JL

Die junge Türkin ist in Deutschland geboren, kennt die deutsche Kultur und möchte sich hier assimilieren, so wie die Deutschen leben und nicht wie ihre Eltern. Sie schafft es nicht, die beiden Kulturen zu verbinden und als Bereicherung zu sehen. Sie besitzt nicht die Stärke, sich gegen ihre Familie durchzusetzen, um nach eigener Vorstellung zu leben. Sie sucht nach ihrem Platz in der deutschen Gesellschaft. Da sie sehr unselbständig und autoritär erzogen wurde, ist es nicht einfach für sie, ihren eigenen Weg in Deutschland zu finden.

Es bereitet mir Sorgen, dass Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind und jahrzehntelang hier leben, es nicht schaffen, sich von der Gesellschaft akzeptiert zu fühlen.

Von der ersten Seite an macht sich Özlem Sorgen, nicht so zu sein wie ihre deutschen Bekannten. Sie lernt das Kochen von ihrer Mutter und befürchtet, dass sie und ihre Kleidung nach Essen riechen, was ihr als zutiefst unangenehm erscheint. Ihre deutschen Schulkameradinnen essen dagegen kalte Brotzeit. Sie sehnt sich praktisch danach, das gleiche, wie ihre Kolleginnen zu tun und fühlt sich ungerecht behandelt. Sie denkt, dass das daran liege, dass sie aus einem türkischen Elternhaus stamme und als Frau lernen müsse zu kochen. Um solche Sorgen geht es aber im ganzen Buch. Sie ist sich ständig unsicher z.B. wenn sie ihren Freund küsst. Es ist immer ein kurzer „formaler“ Begrüßungs- und Abschiedskuss. Bei einem anderen Paar sieht sie, wie es sich leidenschaftlich küsst. Sie weiß nicht, was zu tun ist. Ihre Gefühle geben keine klare Auskunft.

Man möchte Özlem während jeder Szene einfach in den Arm nehmen und sagen, dass alles gut werde und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Man sollte nicht ständig darauf achten, wie man bewertet wird und was die anderen von einem denken. Wenn es tatsächlich viele junge Türkinnen gibt, die in Deutschland leben und solche wirklich massiven Befürchtungen haben und sich dadurch ausgeschlossen fühlen, sollten die anderen sofort auf sie zu gehen und ihnen Mut machen, Trost spenden und sagen, dass sie für einen da sind. Anscheinend geschieht dies nicht. 

Trotz der pessimistischen Darstellung der Situation, ist der Text kurzweilig, liest sich angenehm süffig und ist nicht künstlich ausgebreitet. Özlem jammert jedoch auf jeder Seite und irgendwann wird es einem zu viel und man möchte ihr ein Glas Freude und Zufriedenheit zu trinken geben.

Es ist ein Buch für alle, die ihre türkischen Freundinnen und Arbeitskolleginnen besser kennen lernen wollen und sich für Frauenpsychologie und Emanzipation interessieren.

Ich bin Özlem, Dilek Güngör, 2019, Verbrecher Verlag, 157 Seiten, 19,00 Euro

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