Zusammenstehen statt soziale Distanz

Bild: Birmingham Museums Trust

Von Annika Schmidt

Die sonst so aktive Bremer Literaturszene liegt wie so vieles aktuell brach, zumindest analog. Viele haben virtuell Mittel und Wege gefunden, trotzdem auf sich aufmerksam zu machen und interessante Aktionen sowie Projekte zu starten. So auch das globale°-Festival mit der Decamerone globale°. Zwar findet dieses erst im Herbst wieder statt (hoffentlich), doch die Festivalleitung hat sich entschieden auch in dieser Zeit ein kulturelles Angebot zu machen. Angelehnt an Boccaccios Werk Decamerone mit seinen 100 Novellen wurden die über 200 Autor*innen der globale°-Festivals der letzten 14 Jahre gefragt, ob sie einen Beitrag zu diesem Projekt leisten möchten. Dies kann in Form von Texten, Videos und Tonaufnahmen entstehen. Jeden Samstag wird auf der Website und dem YouTube-Kanal der globale° neues Material veröffentlicht. Insgesamt sollen es wie bei Boccaccio selbst 100 Beiträge werden. Um die Autor*innen in dieser Zeit zu unterstützen hat das globale°-Festival einen PayPal Spenden-Link eingerichtet, unter dem mit Angabe der Namen für die einzelnen Autor*innen gespendet werden kann.

Doch was wird dort veröffentlicht? Es können neue, alte oder bisher geheime Texte sein, ganz wie es den Autor*innen beliebt. Zwei Beispiele zeigen, wie das aussehen kann:

Nellja Veremej hat einen ganz neuen Text veröffentlicht: Haus des Lehrers. Sie beschreibt das Erinnern, ausgelöst durch Gegenstände, in diesem Fall das Haus des Lehrers am Alexanderplatz in Berlin. Beschrieben wird die Erinnerung an eine Literaturlehrerin die die Protagonistin zum Schreiben brachte, indem sie eindrucksvoll und spannend über Literatur berichtete. Beim Lesen dieser Zeilen habe ich direkt Lust mich eine Woche zu Hause einzuschließen und nur zu lesen. Wie passend in dieser Zeit! Ein Jahrzehnte späteres Telefonat zwischen den beiden zeigt, wie sehr Erwartungen uns täuschen können, dass wir aber auch kein Anrecht darauf haben, festzulegen, wie Leute zu sein haben. Wir müssen sie so akzeptieren, wie sie sind und können sie wertschätzen, für Dinge, die sie uns einst beibrachten, auch wenn sie heute scheinbar andere Menschen geworden sind. Gekonnt ist in diesem Text sowohl die Kritik an dem zu einfachen Leben auf dem Land in der damaligen Sowjetunion als auch die Konsumkritik des überschwänglichen Lebens in der heutigen Zeit, am Beispiel der USA. Ein kleiner Text, der mit den Worten zum Schluss auf einen größeren Text der Autorin über den Berliner Alexanderplatz hoffen lässt.

Temye Tesfu hat einen kritischen Text zum Klimawandel verfasst: polkappenrequiem. Und Mirjam Rast vom Theater Bremen hat dazu ihre eigene Interpretation des Textes videografisch festgehalten. Dazu machte sie sich auch den Großbrand in Bremen Gröpelingen vom 28.04.2020 zu Nutze, bei dem 10 Lagerhallen brannten und eine beeindruckende Rauchwolke fabrizierten. Sie steht hier symbolisch für die Ausbeutung der Erde durch die Menschen. Im Text ist der Kampf gegen des Klimawandel verloren und die Erde zerstört. Die Menschen sind nicht mehr da, aber die Natur hat überlebt. Die Natur scheint überfordert mit der Freiheit, sich nicht mehr nach den Menschen richten zu müssen.

Ein eindrücklicher Appell, poetisch dargelegt, sich gegen den Klimawandel und die Erdausbeutung einzusetzen. Das Video zeigt, wie Texten durch den Vortrag mehr Leben eingehaucht werden kann. Und wie zwei Berufsgruppen, die in dieser Zeit ihre Arbeit so wenig nach außen tragen können, gut zusammenarbeiten können, um gemeinsam etwas Neues und sehr Sehens- und Hörenswertes zu kreieren. Decamerone globale° macht solche Begegnungen möglich und ist ein wirklich gutes und unterstützenswertes Projekt in dieser kulturarmen Zeit.

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