Medium Kinky Twist

Foto: privat

Von Carmen Simon Fernandez

„Ein Medium Kinky Twist, bitte!“ – Sie wissen nicht, was das ist? Das ist egal. Die Herkunft der Reisenden bestimmt im Reiseroman, was erklärt werden muss und was nicht. Und als solchen könnte man Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie sehen.  Nur, dass es eben kein junger europäischer Mann ist, der voller Tatendrang aufbricht, um eine ihm fremde Welt zu erkunden. In diesem Roman ist es eine junge Frau aus Nigeria, die zum Studieren in die USA geht und ihre Erfahrungen aufschreibt. Es sind Erfahrungen mit Rassismus und Liebe, die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Herkunft. Große Themen also, aus einer Perspektive, die im klassischen literarischen Kanon bisher wenig Platz gefunden hat, was Americanah besondere Relevanz verleiht. 

Zu Beginn des Romans sitzt Ifemelu, die Protagonistin, in einem Afro-Haarsalon in Princeton, um sich vor ihrer Rückkehr nach Nigeria die Haare machen zu lassen, in einen Medium Kinky Twist eben. Die Friseurin ist verwundert: zurück nach Nigeria, trotz Greencard und Job? Der American Dream scheint eben nicht alles zu sein. Zwischen Friseurinnen und jeder Menge Haare erinnert Ifemelu sich, dass sie im Schatten des Haars ihrer Mutter aufwuchs und nimmt die Leser*innen mit in ihre Vergangenheit, nach Lagos, Nigeria. Es wird von Ifemelus Kindheit und Jugend berichtet, in der sie ihre große Liebe, Obinze, kennenlernt. Das Studium wird immer wieder durch Streiks erschwert und so beschließen die beiden, in den USA zu studieren. Ifemelu bekommt ein Stipendium, Obinze nicht. Also bricht sie alleine in die USA auf, wo sie sich zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert sieht. Später beginnt sie einen Blog zu schreiben, „Amerika für nichtamerikanische Schwarze“. Geschickt zeigt Adichie die Absurditäten des Rassismus in der westlichen Gesellschaft und sie weiß, wovon sie spricht, wenn es um postkoloniale Strukturen geht. In ihrem berühmten TED-Talk „The Danger of a Single Story“ erzählt sie, dass sie als Kind in Nigeria Geschichten schrieb, in der alle Ginger Beer tranken, obwohl sie nicht einmal wusste, was das ist – der Einfluss britischer Literatur eben.

Der Roman ist aber viel mehr als eine bloße Umkehr der Machtverhältnisse und Konventionen des europäischen Reiseromans. Ifemelu ist eine kluge Frau, die es schafft, den kolonialen Diskurs quasi zu verlassen und zwischen den beiden Polen einen dritten Weg zu gehen. Die Friseurin, die ihr die Haare macht, wundert sich, dass Ifemelu dem, wonach sie selber strebt, den Rücken kehren will. Aber Ifemelu geht nicht nur den konträren Weg zum American Dream. Sie hat es ja geschafft, es ist nur nicht so wichtig. Ihre Herkunft, ihre Identität und nicht zuletzt Obinze sind es aber schon. Eingebettet in die Debatte um kulturelle Unterschiede, Diskriminierung, Rassismus und Migration kann man als Leser*in nicht umhin, Ifemelu und Obinze ins Herz zu schließen und mit Spannung zu verfolgen, ob die beiden wieder zueinander finden oder nicht. 

Americanah ist ein fesselnder Roman, der es schafft, Gefühl und Ernsthaftigkeit in eine perfekte Symbiose zu bringen. Gerade, wenn man aus einer westlichen Gesellschaft kommt, kann man viel lernen. Aber es wäre arrogant anzunehmen, dass der Roman dafür geschrieben wurde. Denn wie gesagt: es ist egal, ob Sie wissen, was ein Medium Kinky Twist ist.

Americanah, Chimamanda Ngozi Adichie, übersetzt von Anette Grube, 2015, Fischer Taschenbuch, 600 Seiten, 13,00 Euro.

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