Archäologie und Literatur in perfekter Symbiose

Foto: privat

Von Carmen Simon Fernandez

Ein großer weiß-gestrichener Raum mit grauem Boden und weißen Säulen. Zwischen den Säulen Stellwände mit schwarzen Buchstaben auf weißem Grund und davor ein rätselhaftes Objekt in einem Glaskasten. Mehr braucht es nicht, denn dieser Minimalismus wirkt wie eine Bühne für den „Raum für Vermutungen“, der um diese Objekte herum entsteht.

„Raum für Vermutungen“ ist der Name der Sonderausstellung im Hafenmuseum Speicher XI, die dort noch bis zum 29. November 2020 zu sehen ist. Ausgestellt werden elf rätselhafte Funde aus der Weser zwischen Bremen und Bremerhaven und aus der Seefahrtsgeschichte. Es sind Funde, die Fragen aufwerfen: Worum handelt es sich bei diesem Gegenstand? Wofür wurde er benutzt? Wie ist er hierhergekommen und wie wurde er gefunden? Unter den Objekten ist beispielsweise ein laienhaft ausgestopfter Seehase oder eine Flasche voller Seetang aus der Sargassosee. Zeitlich reichen sie von der Steinzeit bis in der 1980er Jahre, ihnen allen ist jedoch gemeinsam, dass selbst Wissenschaftler*innen sie nicht vollends enträtseln konnten.

Was könnte so eine Lücke besser ausfüllen, als eine Geschichte? Damit wären wir bei der schwarzen Schrift auf weißem Grund angekommen. Elf Autor*innen, die mit Bremen verbunden sind, haben vielfältige Texte vom Gedicht, über freie Formen bis hin zum Märchen über jeweils ein Objekt geschrieben. Mit dabei sind Texte von Nora Bossong, Lady Bitch Ray, Ian Watson und acht weiteren Autor*innen, die den Blick auf die Objekte erweitern, erhellen und manchmal auch zum Schmunzeln anregen. 

Wenn man dann versunken vor den kuriosen Objekten steht und in die kurzen Geschichten dazu eintaucht, kann man ein leises Stimmengewirr im Hintergrund vernehmen. Es kommt aus Lampenschirmen, die neben den Texten hängen. Dort kann man sich drunter stellen und im Inneren den Fundort des Objekts in einer 360° Fotografie sehen. Über sich hört man die Stimme eines*r Wissenschaftler*in, die die Brücke zurück zur Archäologie schlägt.

„Raum für Vermutungen“ ist eine anregende, ästhetisch und inhaltlich gut durchdachte Ausstellung, die den Zauber der Archäologie und das mysteriöse Ungewisse vergangener Zeiten mit der schöpferischen Kraft der Literatur vereint; eine entspannende Aktivität für den Bremer Herbst. Ab September wird die Ausstellung außerdem von Lesungen und Gesprächen zwischen einigen der Autor*innen und Wissenschaftler*innen begleitet, für alle, die tiefer in den Raum für Vermutungen eintauchen wollen.

„Raum für Vermutungen“, Ausstellung im Hafenmuseum Speicher XI, 14.06. – 29.11.2020, Infos: http://www.hafenmuseum-speicherelf.de.

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