
von Lisa Voß
Gianna Molinaris neues Buch Hinter der Hecke die Welt (erschienen im Aufbau Verlag) handelt vom Verschwinden eines kleinen Dorfes – und vom Verschwinden einer ganzen Welt.
Ein verschwindendes Dorf und die eisige arktische Landschaft: Das sind die Schauplätze in Gianna Molinaris neuem Buch Hinter der Hecke die Welt. Wie aus einer märchenhaften Traumwelt erscheint Pinas Dorf, das nach und nach verschwindet. Während die Straße des Dorfes immer weiter von Unkraut überwuchert wird, die Gebäude verfallen und in der einzigen Pension die Zimmer einstauben, sind Pina und ihr bester Freund Lobo seit Jahren keinen Zentimeter gewachsen. Das einzige, was in ihrem Dorf dagegen unaufhörlich wächst, ist die riesenhafte Hecke am Dorfrand, die nicht nur den ständigen Wind etwas abhält, sondern auch die wenigen Tourist*innen in das Dorf zieht. Doch auch die bleiben eines Tages aus, als nach einem Feuer die Hecke ihre Anziehungskraft verloren hat. Und schließlich verschwindet auch noch Pinas Freund Lobo, der der bis dahin mit seinem übernatürlich gutem Gehör dem Dorf beim Verschwinden zugehört hat.
Ganz anders ergeht es Pinas Muter Dora, die das Dorf schon vor einiger Zeit verlassen hat, um die Arktis zu erforschen. Mit einer wissenschaftlichen Genauigkeit erzählt Molinari von Sedimentschichten aus dem Meeresgrund, die ganze Zeitalter abbilden, von Tierarten, die aussterben und von den Menschen, die der unwirtlichen Arktis einen Gewinn abpressen wollen.
Molinari schafft es in ihrem neuen Roman, eine Verbindung zwischen zwei Orten zu schaffen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite die langsam auftauende Arktiswelt, die schon so oft untersucht und ausgekundschaftet wurde und deren Verschwinden die Wissenschaftler*innen bestens dokumentieren und dennoch nicht aufhalten können. Eine Welt, der man, trotz des Wissens um die Schädlichkeit solcher Bemühungen, noch das letzte bisschen Reichtum abpressen will, das sie zu bieten hat. Auf der anderen Seite das kleine Dorf, das langsam zu verschwinden scheint und deren Bewohner ebenfalls nicht wissen, wie sie diesen Schwund aufhalten sollen. Stattdessen hoffen sie auf das Wachstum ihrer Kinder und dass sich damit ihr Blatt zum Besseren wenden wird.
Hinter der Hecke die Welt beinhaltet auf den 200 Seiten eine Vielzahl von Motiven, die aber jeweils nur angeschnitten werden: Sehnsucht, Perspektivlosigkeit, Klimawandel und das Hoffen auf eine bessere Zukunft sind ebenso Thema wie das Verschwinden ganzer Lebensräume und die Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun. Dabei sind insbesondere die Dorf-Passagen sehr unkonkret, bleiben schwammig. Die Bewohnenden leben vor sich hin und nebeneinander her, ohne dass sie etwas gegen den Zerfall ihrer Heimat unternehmen (können?). Dabei passiert auch nicht besonders viel: Die Tage sind gleichförmig und nur als die Hecke Schaden nimmt, regt sich für einen Moment etwas in dem kleinen Dorf. Die Episoden in der Arktis sind dagegen von einer fast wissenschaftlichen Genauigkeit, wenn verschiedene Tierarten detailliert beschrieben und über ihr Aussterben berichtet wird. Dazu weist das Buch sogar einige Zeichnungen auf. Doch auch diese Detailverliebtheit kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Autorin auch in den Arktis-Episoden wenig Inhalt zu bieten hat.
Nach ihrem erfolgreichen Debütroman Hier ist noch alles möglich konnte Molinaris neuer Roman nicht überzeugen. Viele wichtige Themen klingen an, bleiben aber stets zu unkonkret, um im Gedächtnis zu bleiben. Das Hecken-Motiv begeistert nicht und auch das ausbleibende Wachstum der Kinder bleibt ein Rätsel. Vielleicht wäre hier der eine oder andere Hinweis zur Idee hinter diesen Motiven sinnvoll gewesen, um Lesende mehr in den Bann der Geschichte zu ziehen. Auch die wenig ausgearbeiteten Charaktere schaffen es nicht, Lesende zu fesseln
und so tröpfelt die Geschichte quasi inhalts- und ereignislos vor sich hin, ohne einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – schade, bei einem so wichtigen Thema wie dem Klimawandel.
Gianna Molinari, Hinter der Hecke die Welt, 2023, Aufbau Verlag, 208 Seiten, 24€

Lisa Voß studiert Kommunikations- und Medienwissenschaften und Germanistik an der Universität Bremen. Wenn sie sich nicht gerade durch Fachliteratur arbeiten muss, liest sie am liebsten zeitgenössische Romane aus aller Welt, wühlt in ihrem Gemüsegarten oder betüddelt ihre Ponys. So wird ihr auch neben dem Studium nie langweilig.