
Von Nina Funk
Stell dir vor, eines Tages erscheint aus dem Nichts ein toter Mensch in deiner Wohnung, liegt plötzlich auf dem Boden, auf dem Bett oder neben der Couch. Du weißt, es ist ein Kriegsopfer aus dem nahegelegenen Besulia. Vielleicht ein kleines Kind, oder eine junge Frau, oder ein alter Herr. Gewaltsam ums Leben gekommen. In den sozialen Netzwerken verbreitet sich schnell die Nachricht: Es gibt einen Weg, die Verstorbenen wieder zum Leben zu erwecken. Du musst nur für sie tanzen, einen ganz besonderen Tanz, den Svaboda Samoverzjenja. Manchmal dauert es Tage, bis der Tote erwacht, manchmal funktioniert es nur, wenn viele Menschen gemeinsam tanzen. Doch du hast die Macht, das Leben eines Menschen zu retten, der vor seiner Zeit von uns gegangen ist, einem sogenannten schlechten Toten. Würdest du es tun? Diese Frage stellt uns Lisa Weeda in ihrem Roman „Tanz, Tanz Revolution“, der ihrem gefeierten Debüt „Aleksandra“ folgt. Im ersten Moment scheint die Antwort auf diese Frage einfach. Doch was passiert, wenn ein Krieg immer und immer weiter währt, die Toten unzählig werden und das Grauen nicht enden will? Menschen werden müde, sie wenden ihren Blick von der Gewalt ab und hören auf zu tanzen. In fünf Teilen erzählt Lisa Weeda diese mit Elementen des magischen Realismus angereicherte Geschichte über die Opfer, Zuschauer und Nachwehen eines Krieges, wobei sie wiederholt mit dem Wechsel der Erzählperspektive spielt.
Die Geschichte beginnt zweieinhalb Jahre nach dem Krieg in Besulia und wird von da an rückwärts erzählt. Noch immer tauchen auf unerklärliche Art und Weise Tote auf, die wach getanzt werden wollen. Doch die Menschen sind es leid geworden. Jene, die nicht mehr tanzen wollen, bestellen den sogenannten Body-Pick-Up-Service. Dann sammelt eine junge Frau namens Toni, die in der Vergangenheit selbst vor einem Krieg in ihrem Heimatland fliehen musste, die Ermordeten ein, auf dass sich in der Zukunft doch noch ein couragierter Tänzer finden mag. Toni versteht die Kriegsmüdigkeit der Menschen nicht. Für ihren Teil wird sie es nicht leid zu tanzen und Leben zu retten. Doch wo Hoffnung aufblitzt, gibt es auch Schattenseiten. Und so wendet Lisa Weeda alsbald die Medaille und zeigt uns ihre Kehrseite. Wir lernen Emma und Sara kennen. Als ein totes Mädchen in ihrer Wohnung auftaucht, reagiert die überforderte Sara mit gelähmter Apathie. „Das ist nicht unser Krieg“[1], sagt sie zu Emma und drängt, den Body-Pick-Up-Service anzurufen, während ein unsichtbarer Notschnik auf ihrem Sofa hockt und lauscht. Tatsächlich ist es der Notschnik, ein sagenumwobenes, magisches Wesen, der die Toten aus dem Kriegsgebiet abholt und sie (hoffentlich tanzwilligen) Menschen auf die Schwelle legt. Doch ehe wir erfahren, wie die Geschichte dieses seltsamen Dreiergespanns zu Ende geht, wechselt die Perspektive erneut und die Zeiger der Uhr drehen weiter rückwärts.
Man muss sich damit arrangieren, dass Lisa Weeda die Geschichte vieler Figuren nicht zu Ende erzählt, sondern uns mit abrupten Perspektivwechseln und Zeitsprüngen konfrontiert. Es ist schade, diese vielversprechenden Charaktere aus den Augen zu verlieren, kurz nachdem wir sie kennengelernt haben. Allerdings geht es Lisa Weeda nicht darum, Lebensgeschichten zu erzählen. Stattdessen setzt die Autorin aus scherbenhaften Bruchstücken das fragmentarische Abbild eines Krieges zusammen, das sich als einziger flackernder Eindruck in unser Bewusstsein einbrennt. Die eigentlichen Kriegsjahre werden dabei größtenteils ausgespart. Trotzdem gelingt Weeda, eine Komposition aus schmerzlichen Nachklängen, die aufzeigt, dass ein Krieg nie wirklich vorüber ist, solange seelische Wunden nicht heilen. Bezeichnend ist die Geschichte von Sophie, die ein Jahr nach dem Krieg zwei wachgetanzte Besulianer bei sich aufnimmt und verzweifelt versucht, den beiden von Heimweh und PTSD gequälten Männern beizustehen.
Bis hierher haben wir den Krieg aus der retrospektiven Perspektive erlebt. Doch kurz vor Ende des Buches springt Lisa Weeda noch einmal in der Zeit zurück: Kriegsbeginn. In einem winzigen Dorf in Besulia verfolgen Anna und ihre Großmutter Baba Yara, wie das Feuer und der Lärm von Bomben, Raketen und Soldaten immer näherkommen. Über die sozialen Netzwerke rufen sie die Menschen dazu auf, den Svaboda Samoverzjenja zu tanzen, denn sie glauben fest daran, dass dieser Tanz die Kraft hat, das Böse zu verscheuchen. Je mehr Menschen tanzen, desto mehr gewinne der Tanz an Kraft. Und dann ist der Krieg plötzlich da. Senkt sich wie ein dunkler Schatten über das Dorf, tritt die Haustüren ein, stürmt die Schutzkeller. Anna und Baba Yara, die gerade noch in einem Livestream die Tanzschritte des Svaboda Samoverzjenja erklärten, finden in einer erschütternden Szene den Tod, während eine laufende Kamera die Schreckensbilder einfängt und in die ganze Welt sendet. „Die Kamera knallt auf den Boden, schlittert unter das Feldbett. Wir hören Geschrei, einen Schuss. […] Hunderte von heulenden Emojis und gebrochene Herzen schweben aus dem Nichts empor. Dann wird alles schwarz.“[2]
Die Grausamkeiten des Krieges durch das Sichtfenster einer albernen Social-Media-App zu betrachten, mag makaber erscheinen, doch Lisa Weeda beschreibt nichts Geringeres als die Realität. Sie muss das Wort „Ukraine“ nicht aussprechen, sie muss die Identität des Feindes nicht enthüllen, denn wir verstehen. Die Autorin verarbeitet in diesem Roman die Reaktionen und das Verhalten der (westeuropäischen) Gesellschaft seit Ausbruch des Krieges. Doch nennt sie keine Namen, flüchtet in die Fiktion, vielleicht um das Unbeschreibliche beschreibbar zu machen? Sie erfindet Ländernamen, zeichnet eine schemenhafte Welt, schmückt mit magischen Elementen, bleibt stets geographisch unkonkret. Wir sollen uns nicht in politischen Details oder kompliziertem World-Building verlieren, sondern den Blick darauf richten, was wirklich wichtig ist: Menschen, die leiden, Menschen, die sterben, Menschen, die helfen, Menschen, die wegschauen. Dieser Roman erzählt von Menschlichkeit. Weeda gelingt es mit dieser zugänglichen Geschichte in einfacher Sprache, universelle Wahrheiten über Krieg, Flucht, Trauma und Verantwortung zu vermitteln. Den Tanz wählt sie als Symbol der Verbundenheit und Hoffnung über Grenzen hinweg. „Beim Tanzen ist es auch egal, ob du reich bist oder arm, […] tanzen kann jeder […]“[3]. Gewissermaßen erfüllt das Motiv des Tanzes in Lisa Weedas „Tanz, Tanz Revolution“ dieselbe Funktion, die ihr Roman in unserer Gesellschaft einnehmen könnte: Es ist ein universelles, zugängliches Instrument des persönlichen Ausdrucks, das eine umso bedeutungsschwerere Botschaft transportiert.
Tanz, tanz, Revolution von Lisa Weeda, Kanon Verlag, 170 Seiten, Hardcover, 22 €.
[1] S. 66.
[2] S. 156.
[3] S. 12.