So, in etwa, ist es geschehen von Sharon Dodua Otoo

von: Inga Renz und Máté Babó

© privat

„Ich habe Heinz Brockhaus getötet.“ Der Einstieg in Sharon Dodua Otoos neuen Roman So, in etwa, ist es geschehen, erschienen 2026 bei S. Fischer, verrät (vermeintlich) schon alles. Doch trotz ihrer Geständigkeit bereut die Protagonistin Amata Haller den Mord nicht. Wieso das so ist und aus welchen Gründen sie ihren Chef Brockhaus umbringt – auf diese Fragen gibt der Roman auf seinen 139 Seiten viele Antworten. Diese stehen jedoch nicht für sich, sondern erweisen sich erst im Gesamtkontext als wesentlich.

Amata berichtet rückblickend aus der Untersuchungshaft über die Geschehnisse. Als Lesende begleiten wir sie und ihren Chef auf einer Autofahrt von Berlin zum Timmendorfer Strand, wo sie sich, wie jedes Jahr an diesem Tag, mit ihrer Mutter treffen will, um an die Geschehnisse um den Untergang der Cap Arcona zu gedenken. Es ist Sommer und drückend heiß. Natürlich stehen sie im Stau, und Brockhaus redet ununterbrochen auf Amata ein. Ihre Migräne kehrt zurück und die Lage auf der Rückbank wird immer kritischer. Doch Amata erzählt nicht nur von diesen äußeren Umständen, der Hitze und dem Lärm – auch in ihr selbst existiert das Gefühl, eingeschlossen zu sein. Sie fühlt sich verstummt, nicht gehört und ohnmächtig. Diese Kollision aus Innerem und Äußerem führt schließlich zu Amatas Tat.

Der Text schlägt eindrucksvoll eine Brücke zwischen intensiver körperlicher Leseerfahrung und analytischer Haltung. Das notorische Gerede von Brockhaus strapaziert auch die Lesenden. Gleichzeitig thematisiert Otoo Fragen nach Erinnerungskultur und der Erschaffung eigener Rituale, zeigt auf, wie individuelle Familiengeschichte untrennbar mit öffentlicher Geschichtsschreibung verbunden ist. Sie thematisiert Machtlosigkeit in feststehenden Strukturen, Postkolonialismus, belastende Eltern-Kind-Beziehungen und die Verhandlung von individueller/n Wahrheit(en).

Die formalen Besonderheiten des Textes machen es schwer, ihn als Roman zu fassen. Nkechi, die beste Freundin Amatas, tritt als Herausgeberin der verschiedenen Textsorten auf, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt. Beginnend mit einem Brief von Amata an Nkechi werden dann die Erinnerungen Amatas veröffentlicht, die den Hauptteil des Textes bilden. Dieser formuliert in einem eigenen Spannungsbogen einen immer stärkeren Wahrheitsanspruch: „Die Wahrheit”, „Die ganze Wahrheit”, „Und nichts als die Wahrheit” und schließlich „Wahrer geht nicht” lauten die Kapitelüberschriften. Als Anhang findet sich unter anderem eine Audiotranskription von etwa 40 Seiten, die den Redeschwall Brockhaus als direkte Rede festhält. Die Zusammenstellung dieser verschiedenen Textsorten wird durch zahlreiche, teilweise implizite intertextuelle Verweise angereichert, etwa auf Theodor Wonja Michael, Toni Morrison oder Martin Luther King. Durch die Herausgeberfiktion wird eine weitere Instanz zwischen Autorin und Figuren geschaltet, wodurch die Autorin in den Hintergrund tritt. Dadurch werden die Figuren eigenständiger und mehrdeutiger. Außerdem sind die Lesenden herausgefordert, einen eigenen moralischen Leitfaden zu entwickeln, da es keine (Erzähl-)Instanz gibt, die die verschiedenen Stimmen sortiert oder auswertet.

Mutig und klug werden in Otoos Roman individuelle Erfahrungen und die negativen Folgen komplexer historisch-struktureller Problematiken verknüpft. Insbesondere die Frage nach dem Umgang mit dem postkolonialen Erbe wird aus zahlreichen Perspektiven behandelt. Obwohl der Roman sich mit schweren und komplexen Themen beschäftigt, hat er auch humorvolle Momente, nicht zuletzt durch die Idee, die Aufzeichnung von Brockhaus Monolog als „Anhang“ zu bezeichnen: Die Perspektive des alten, weißen Mannes kann beim Lesen einfach ausgeklammert werden. Wer das tut, verpasst jedoch die differenzierte Charakterstudie einer zutiefst menschlichen Figur. Denn aus den im Grunde so gegensätzlichen Figuren Amata und Brockhaus, der jungen schwarzen Frau und dem alten weißen Mann, lässt sich vielleicht auch eine Gemeinsamkeit herauslesen: das Tragische. Beide sind in ihren Strukturen gefangen, Brockhaus will und Amata kann sich nicht aus ihnen befreien.

Die Lektüre von So, in etwa, ist es geschehen erfordert die Bereitschaft, den eigenen Ängsten und Frustrationen mit Offenheit zu begegnen und sie zu reflektieren, ohne dabei auf triviale, moralisierende Haltungen zurückzufallen. Die klare Leseempfehlung richtet sich daher insbesondere an diejenigen, die Lust auf eine intensive, emotionale und körpernahe Leseerfahrung haben: die Nachempfindung seelischer und körperlicher Zustände bei der leidvollen Auseinandersetzung mit belastenden, überlebensgroßen Strukturen und wichtigen postkolonialen Fragestellungen.

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