Comic im Klotz

Zwangsarbeiter bauten zwischen 1943 und 1945 den U-Boot-Bunker Valentin im heutigen Bremen Rekum; tausende starben dabei. Am Dienstagabend fand an der heutigen Gedenkstätte in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung nun eine ganz besondere Lesung der diesjährigen globale° statt: Jens Genehr stellte seine Graphic Novel Valentin über die Geschichte des Ortes und seiner Opfer vor. Gleich mehrfach war der Abend ein Paradebeispiel für die dem Festival so inhärente Idee der Grenzüberschreitung. Ein Versuch, das festzuhalten.

von Lotta Duden

 Ein kleines bisschen wolkenweißer Himmel.
Und Betonklotz.
Wo soll man denn da reinkommen?

Noch einmal um die Ecke gegangen, ist da plötzlich eine Weite. 
“Dem Gedenkort entsprechend verhalten”, steht auf einem Schild.
Mir ist, als änderten sich prompt die Bewegungen der Menschen hier: 
Jung und alt, OHZ und EMD, HB und SY, OL und DEL. 
Nebel hängt zwischen den Baumwipfeln.

Vor dem Eingang prangt auf dem Beton ein verblassendes Bild:
Menschen in blau-weiß gestreifter Häftlingskleidung.
Dann schwingt die Automatiktür vor uns auf.

Im Klotz sitzt man auf hergerichteten Stühlen.
Man plaudert oder hört anderen dabei zu. 
Und dann geht’s los.
Das Mikrofon quietscht. Die Leute murren.
Leiser, lauter, deutlicher, bitte!
Noch eine kurze Rede. Dann Musik.

Und was für eine! 

Tomáš Palucha heißt die tschechische Band, die da spielt.
Sie beginnen leise.
Irgendwie fügen sich diese sanften Töne ein
zwischen den dicken Wänden
unter die hohen Decken. 
Nach ein paar Minuten wird’s laut, kein langes Crescendo -
einfach so laut. 
Vielleicht dringt es an irgendwelche Grenzen.
Das Trommelfell vibriert. 
Mir gefällt’s. 

Dann: “Kino für Arme”,
wie G. seine Lesung nennt.
Das heißt hören
und gucken
und lernen. 
Wie kann man so zeichnen!

Das ist ein Vortrag, denk ich
über den Entstehungsprozess des eigenen Projekts,
über die eigene Quellenarbeit.
Nein, denk ich,
es ist ein Ausflug in eben diese Quellen.
Nein, denk ich.
das ist eine Performance des eigenen Werks: 
Mit Powerpoint
und Mundvertonung.
Mit Vorlesen
und Maschinengewehr-Geräuschen vom Laptop.

Dann die Fragerunde
und viele kluge Worte.
Nicht der Hass, der Wahn, der Fanatismus
habe diese Verbrechen vielleicht möglich gemacht,
sagt G.
Sondern die
Gleichgültigkeit.

Die Band stimmt noch einmal an. 
Wir nehmen den Rundgang nach draußen. 
Die Musik wird leiser. 

Gleichgültig verlässt man diesen Abend nicht.





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