Der Anfang vom Ende des Glashauses, oder: das schlechteste Interview der Welt

Von Carmen Simon Fernandez

Eine Aula voller jugendlicher Schüler*innen und auf der Bühne Sofia, die Autorin, die anderthalb Stunden lang erzählt und alle hören zu. Sofia ist Norwegerin, ihre Eltern kommen aus dem Libanon, sie sind Muslime. Sie erzählt, wie sie zunächst über Social Media und später übers Fernsehen ihre zwei Mitstreiterinnen gefunden hat, ebenfalls Muslima, die sich, wie sie, nicht mehr schämen wollten. Sie wollen nicht nirgendwo richtig dazugehören, immer zwischen der Kultur ihrer Eltern und der Norwegischen hin- und hergerissen sein. Sie wollen frei sein, über sich selbst, ihren Körper, ihre Zukunft entscheiden können. Deshalb nennen sie sich schamlos und so lautet auch der Titel ihres Buchs, welches die drei Frauen 2017 in Norwegen veröffentlicht haben. Bei der Begrüßung bezeichnet Libuše Černá von der Festivalleitung es als Manifest, Sofia bezeichnet es als politisch. Es vereint die Geschichten zahlreicher Muslima, sowie der Autorinnen, über negative Sozialkontrolle, Scham, Ehre, Identität und vor allem immer wieder über den Wunsch nach Freiheit.

Gerade Begriffe wie „Scham“ und „Ehre“ werden in der westlichen Welt typischerweise mit geschlossenen Minderheitsgesellschaften assoziiert. Schnell wird jedoch deutlich, dass diese Konzepte sich durch viele Kulturen ziehen. In Schamlos gibt es knallrote Seiten, auf denen Regeln und Ratschläge stehen, wie ehrbare Mädchen und Frauen sich zu verhalten haben. Diese Regeln sind nicht erfunden und als sie vorgelesen werden, wird deutlich, dass viele sie auch nicht zum ersten Mal hören. „Nr. 2: Alleine reisen kannst du, wenn du verheiratet bist und dein Ehemann es erlaubt.“ Ob eines der anwesenden Mädchen diese Regel schon mal gehört habe – eine hebt die Hand. „Nr. 35: Iss keine Banane in der Öffentlichkeit.“ Es wird gelacht und man hört Laute der Zustimmung – auch dieser Ratschlag, nichts Neues. Neben solch absurd wirkenden Ratschlägen, gibt es auch ernstere: „Nr. 45: Der Hidschab schützt dich vor Übergriffen.“ An dieser Stelle betont die Autorin, dass ein Übergriff niemals die Schuld des Opfers ist. Es ist die Schuld des Menschen, der den Übergriff begeht. Eigentlich selbstverständlich – sollte man jedenfalls meinen…

Bei den Auszügen aus dem Buch und dem Dialog mit der Autorin wird kein Thema des intersektionalen Feminismus ausgespart, keine Debatte bleibt unerwähnt, kein Problem unerkannt und man kann nicht anders, als sich für das Buch und die drei beeindruckenden Autorinnen zu begeistern. Sie scheinen es tatsächlich geschafft zu haben, das Glashaus zu zerbrechen. Empowerment von seiner besten Seite – denkt zumindest die weiße, feministische Studentin im Publikum, die diese Zeilen schreibt. Aber wie sehen das die Schüler*innen?

Ich nähere mich einer Gruppe Mädchen und frage, ob sie auch schon Erfahrungen mit negativer sozialer Kontrolle gemacht haben. Das mit der Banane haben sie auch schon gehört oder, dass sie Eis abbeißen statt ablecken sollen – alles nichts Neues. Oft kämen die Kommentare von Jungen aus ihrem Alter, die sich lustig finden. Die Mädchen reden zu Hause über solche Themen, es regt sie auf, dass Feminismus bei vielen mit Männerhass gleichgesetzt wird, sie finden Lesungen wie diese wichtig. Ok wow, denke ich mir. Die sind wie ich, die wissen Bescheid. Also ein heikleres Thema: sexuelle Aufklärung in der Schule, wie sieht es damit aus? Das sei total wichtig und würde allen helfen. Sie selbst hätten um mehr Unterricht in diese Richtung gebeten und diesen auch bekommen. Eine Muslima steht mit im Kreis. Sie erzählt, dass sie drei Brüder habe. Ihre Eltern seien aber sehr liberal und ihre Erfahrungen unterscheiden sich nicht wesentlich von denen ihrer Mitschülerinnen. Sie sieht das Problem, dass Brüder oft mehr dürfen als ihre Schwestern. Generell müssten die unterschiedlichen Erwartungen an Jungen und Mädchen aufgelöst werden, sie müssen gleichbehandelt werden. Ich bin beeindruckt von den Mädchen, aber ich frage mich auch, wie es im Hinblick auf die bestehenden Probleme weitergehen soll. Irgendwie bin ich doch wieder in meiner aufgeklärten, feministischen und selbstbestimmten Blase gelandet.

Aber wie ich soeben von meinen Interviewpartnerinnen gehört habe, geht Feminismus nicht ohne Jungen und Männer. Was ist also mit den Jungen? Leider ist keiner mehr im Raum, also begebe ich mich auf die Suche. Die einzigen zwei, die ich treffe, wollen nicht mit mir reden. Der Eine meint, er habe nicht zugehört, der andere guckt zu Boden und sagt, er habe dazu nichts zu sagen. Ich bekomme das Gefühl, sehr schlecht im Interviewen zu sein.

Schließlich will ich doch noch eine andere Perspektive einholen und frage eine Hidschabi nach ihrem Eindruck von Sofia und den anderen Autorinnen. „Mutig“, sagt sie mit schüchterner Stimme. Die ganze women power habe sie beeindruckt. „Was im Besonderen?“, frage ich. „Dass man anziehen kann, was man will.“ Sie muss dann weiter und ich bleibe zurück und komme mir blöder denn je vor. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich hätte nichts erfahren, aber eigentlich habe ich nur nicht das gehört, was ich hören wollte. Naja, immerhin war es anderthalb Stunden lang still, als Sofia gesprochen hat.

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