Geschichten hörbar machen

Von Annika Schmidt

Teil der Kultur der Native Americans ist es, Geschichten zu erzählen und sie weiter zu tragen. Und genau das macht Tommy Orange, der selbst Native ist, in seinem Roman Dort Dort auch. Es werden die Geschichten von zwölf Natives erzählt, in ganz unterschiedlichen Stilen, denn alle haben ihre eigene Stimme. Manchen Figuren begegnen wir mehrmals, manchen nur einmal. Einige spielen Hauptrollen in ihrer eigenen Geschichte, manche tauchen auch noch als Nebenfiguren in den Geschichten anderer auf. Es werden viele verschiedenen Erzählperspektiven eingesetzt: manchmal sind es Ich-Erzähler, manche Geschichten werden aus der 3. Person erzählt und sogar ein Du-Erzähler taucht auf. Gerade letzterer Erzählstil kann für eine starke Identifikation bei den Lesenden sorgen. In meinem Fall hat es hier nicht funktioniert, da ich mich als weiße, junge Frau in einer völlig anderen Lebenswelt weniger gut mit einem älteren, männlichen Native identifizieren konnte. Doch gerade das macht diesen Roman so wichtig: Es gibt genug Romanfiguren, mit denen ich mich identifizieren kann, bei Gruppen wie den Natives ist das nicht unbedingt der Fall.

Alle Geschichten gehören zusammen, doch wie, erfahren wir erst ganz zum Schluss, beim großen Powwow von Oakland. Powwows sind riesige Zusammenkünfte von Native Americans, bei denen Schmuck und andere Kulturgüter verkauft werden. Natives kommen zusammen, tauschen sich aus und es finden traditionelle Tanzwettbewerbe in Trachten statt. Diese Sachverhalte und auch die Unterdrückung der Native Americans erklärt Orange zwischendurch in kleinen Themenblöcken. So ist zum Beispiel ein Aspekt, dass Native Americans früher keine Nachnamen trugen und von Weißen nach Tieren benannt wurden oder nach Farben: Orange. Der Wechsel zwischen den Geschichten und den Themenblöcken sorgt für eine sehr informative Mischung.

Der Roman spricht viele verschiedene Themen an, nicht alle davon sind nur in der Kultur der Natives relevant, doch vieles ist hier noch einmal verstärkt zu finden. Die Geschichten erzählen von Armut, Rassismus, Alkoholsucht, Vergewaltigung, Gewalt, Selbstmordraten, Kampf mit neuen Technologien, aber auch von Familienzusammenhalt und -zerrüttung, Freundschaft und Gemeinschaft. Es ist ein informatives, kritisches und spannendes Buch. Die Kritik an den Nachwirkungen des Kolonialismus ist allgegenwärtig. Der Titel Dort Dort spielt auf die Veränderung von Lebensräumen an:

„[…] dass das Dort ihrer Kindheit, das Dort dort, nicht mehr da war, dass es dort kein Dort mehr gab.“

Die Geschichten spielen auf wahre Begebenheiten an, wie die Besetzung von Alcatraz durch Native Americans, über die es heute nicht mal einen Wikipedia Eintrag gibt. Sie beschäftigen sich mit dem Gedanken, was heute noch indigen ist und ebenso mit der Darstellung von Natives als „Wilde“ in vielen Filmen und Büchern.

Es ist ein kraftvoller Roman, der zeigt, dass alle mit unterschiedlichen Dingen zu kämpfen haben, doch die gemeinsame Kultur eint sie. Teil dieser Kultur ist jedoch auch, dass Frauen nicht völlig gleichgestellt sind. Die Frauen im Roman sind zum Teil erfolgreich und in Führungspositionen, stehen auf eigenen Füßen, doch bei den Powwows tanzen sie nicht oder haben ihren eigenen, unbedeutenderen Wettbewerb. Hier zeigt sich gut, wie auch heute noch in vielen Kulturen die Gleichstellung von Frauen oftmals durch Traditionen erschwert wird.  

Dieser Roman ist unheimlich spannend und aufwühlend. Er trägt zur Weiterbildung bei, macht Stimmen hörbar und regt zum Nachdenken über weiße Überlegenheit an.

Dort Dort, Tommy Orange, Übersetzung: Hannes Meyer, 2019, Hanser Berlin, 288 Seiten, 22,00 €.

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