„Normal People“ schaffen eine bedeutende Geschichte

Foto: privat

Von Sarah Ostermann

Der Roman Normal People von Sally Rooney ist ein Million-Copy -Beststeller: Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und war 2018 Gewinner der Costa Novel Awards und „Buch des Jahres“ bei den Irish Book Awards. Betrachtet man die Rückseite des Buches, finden sich dort zahlreiche weitere Auszeichnungen. Mittlerweile wurde das Buch auch als Serie adaptiert. Doch wie kommt es, dass ein so vielfach gefeierter Roman, der eigentlich nur von dem Leben zweier ganz normaler Menschen handelt, solche Wellen schlägt?

Zunächst könnten beide Protagonist*innen auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Connell gehört zu den beliebtesten Schülern der Schule, Marianne ist eine Außenseiterin. Connell entstammt einer armen Familie, wohingegen Marianne einer reichen Familie entstammt. Die Beziehung zwischen Connell und Marianne changiert zwischen einer anfangs heimlichen Affäre, zu zwischenzeitlicher Funkstille, hin zu einer erneuten Affäre. Aber die tiefe Freundschaft, die sie verbindet, trägt sie stets durch schwere Zeiten.

Dennoch: Würde man den Roman inhaltlich zusammenfassen wollen, wäre das kaum möglich. Nicht, weil der Roman überladen, sondern vielmehr, weil das Gegenteil der Fall ist. Stattdessen plätschert die Geschichte vor sich hin und zeigt dadurch, es braucht keine Kernhandlung, um von dem ganz normalen Leben zu berichten. Hierfür funktioniert die charakterorientierte Herangehensweise an den Roman perfekt. Mithilfe der verschiedenen Fokalisierungen gelingt es Sally Rooney, einen tiefen Einblick in die Gedanken der beiden Protagonist*innen zu geben. Aus diesem Grund hat der*die Lesende auch trotzdem das Gefühl, beide am Ende zu kennen.

Der Titel des Romans gibt gleichzeitig darüber Aufschluss, was der Roman schlichtweg vermitteln will: Das Leben von „normal people“. Marianne hat allerdings nicht das Gefühl zu den „normal people“zu gehören. Weder in ihrer Zeit als Außenseiterin in der Schule noch in ihren College-Zeiten, als sich das Blatt gewendet hat. Ihr Streben danach zeigt allerdings eins: Es gibt so etwas wie „normal people“ nicht oder aber, dass sie trotz all ihrer Probleme zu den „normal people“ gehört.

Den ganzen Roman durchzieht eine gewisse Melancholie. Das mag an den behandelten Themen, wie Depressionen, toxische Familienverhältnisse und die Nähe-Distanz Aushandlungen von Marianne und Connell liegen. Der schlichte Schreibstil korrespondiert mit der inhaltlichen Ebene und die zeitlichen Ellipsen, manchmal über Wochen, manchmal über Monate hinweg, geben der Geschichte einen guten Überblick und machen sie authentisch. Verwirrend kann es nur für manch einen Lesenden sein, dass Rooney bei der wörtlichen Rede auf jegliche Anführungszeichen verzichtet.

Letztlich trifft der Roman den Nerv unserer Zeit und das zeigt wohl auch, warum er in den Medien so hochgepriesen wird. Ob ich mich selbst in die Zelebration des Romans einreihen würde, kann ich nicht beantworten. Jetzt wäre es aber interessant zu sehen, welche Aspekte die Serie im Besonderen aufgreift und wie sie die Melancholie des Romans rüberbringt. Das wird dann mein nächstes Projekt sein. Der Roman hat auf jeden Fall gezeigt, dass „normal people“ eben ausreichen, um eine bedeutende Geschichte zu erzählen.

Normal People, Sally Rooney, 2018, Faber & Faber, 266 Seiten, 15,99 Euro.

Normale Menschen, Sally Ronney, Übersetzung: Zoë Beck, 2020, Luchterhand, 320 Seiten, 20 Euro.

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